Predigtreihe „Hungertuch 2009“ von Pfr. Anton Frank
3. Bewahrung der Schöpfung
Wir wenden uns heute dem dritten Teil des Hungertuchs zu, der Bewahrung der Schöpfung. Im rechten und unteren Teil des Bildes wird uns
gezeigt, wie es eigentlich sein könnte: Ein blühender Garten breitet sich aus. Sechs Menschen aus verschiedenen Nationen, Männer, Frauen und
ein Kind, sitzen im Halbkreis um eine Erdkugel. In ihrer Mitte steht eine Osterkerze und erleuchtet die Gesichter.
Die Welt, um die herum sie sitzen und für die sie Verantwortung übernehmen wollen, hat der Künstler Toni aus afrikanischer Erde und rotem
Sand aus Nigeria gestaltet.
Von ihrem Typ her sind die darum versammelten Menschen Vertreter aus Europa, Amerika, Asien, dem Orient und Afrika, d.h. alle Völker der
Erde schließen sich zusammen. Sie setzen sich gemeinsam ein für den Schutz der Tiere und der Pflanzen und erhalten ihre Artenvielfalt. Darauf
verweist uns der Künstler mit dem, was die Personen in ihren Händen halten.
Fangen wir links an bei der Frau aus Europa: sie trägt eine Schale mit Wasser, in dem ein Kabeljau schwimmt. Einst war der Kabeljau eine
verbreitete Fischart, in den letzten 10 Jahren sinken seine Bestände dramatisch. Trotz aller Warnungen wird er weiter in großen Mengen
gefangen. Gehen wir zur nächsten Person: Der Mann aus Lateinamerika umfasst einen Getreidehalm, der Ähren trägt. In vielen südlichen Regionen
der Erde führt die Klimaveränderung bereits zu Not und Hunger.
Der Mann aus Asien hält in seiner Hand einen tropischen Vogel. Der Raubbau an den Urwäldern zerstört den natürlichen Lebensraum. In den
letzten 10 Jahren stirbt alle 30 Minuten eine Tier- oder Pflanzenart aus und ist unwiederbringlich verloren.
Der Vertreter der arabischen Bevölkerung hält eine Öllampe in seinen Händen und verweist auf die Vorräte an Öl, die bald erschöpft sein
werden. Wir müssen sorgsam mit ihnen umgehen. Die Afrikanerin bringt eine rosa blühende Pflanze in die Runde. Die sogenannte Teufelskralle
gedeiht nur in Südafrika. Ihre Wurzeln enthalten Wirkstoffe gegen Arthrose. Die wildwachsende Teufelskralle ist beinahe ausgestorben.
Pharmakonzerne verwenden seit vielen Jahren ihre Extrakte. An den Gewinnen werden die Afrikaner nicht beteiligt.
Schließlich noch der Junge. Er hält ein Lämmchen in seinen Armen. Es ist eine alte Rasse, deren Fell sich gut zum Spinnen und Weben eignet.
Die Tiere waren fast ausgestorben. Inzwischen werden sie nachgezüchtet.
Der Junge trägt wie der auf dem Giftfass die Gesichtszüge des jüngsten Sohnes von Toni. Für die Zukunft der Kinder müssen Lösungen
gefunden werden. Darum hat der Künstler auch ein Büro eingerichtet, in dem er seine Landsleute über die Möglichkeiten von Solarenergie berät.
Das macht deutlich: wir können auf technischen Fortschritt nicht verzichten. Er muss aber umweltverträglich eingesetzt werden.
Versammelt sind diese Menschen um das Licht, das von der Osterkerze ausgeht. Wenn wir erleuchtet sind, dann werden wir gemeinsam unseren
Lebensstil so gestalten, dass nicht nur die Menschen einander schonen, sondern auch die Luft, die Tiere und Pflanzen.
Dazu ist es nötig, auch andere umweltfreundliche Produktionsweisen zu entwickeln, die Tony mit der „grünen“ Fabrik ins Bild gesetzt hat, die
wir am rechten äußeren Rand finden. Diese Art der Produktion steht im Einklang mit der Natur.
Der Künstler hat verschiedene afrikanische Sprichwörter in das Bild eingeflochten. Das stilisierte Tier, dessen Beine aus Pflanzen
bestehen, besagt: »Fleisch gibt es nicht ohne Pflanzen«. Der Mensch muss Pflanzen und Tiere sorgsam schützen.
„Lebt das Wasser, dann lebt der Fisch“, sagt ein weiteres Sprichwort. Tony hat dieses Wort am Fuße der „grünen“ Fabrik in das Hungertuch
hineingemalt: Dort sehen wir Wellen und Fische. Die Wellen werden durch die Fische geradezu gebildet, und die Fische sind in die Wellen
eingeformt. Auf solch einen Gleichklang werden wir in Zukunft angewiesen sein. Dann wird Gottes reiche und gute Schöpfung weiterhin die
Grundlage unseres Lebens bilden.
Ähnliches zur Nachhaltigkeit sagt Tony mit dem Sprichwort »Der Fischer gebraucht seinen Angelhaken nicht für den Fisch, auf dem er sitzt«.
In den Haaren der Afrikanerin schließlich hat Tony malerisch ein viertes afrikanisches Sprichwort umgesetzt: »Ein Jäger schießt nicht auf
einen Vogel, der auf seinem Kopf sitzt«. Alle diese Redensarten unterstreichen die Warnung: zerstört nicht eure eigenen Lebensgrundlagen!
Umkehr heißt, auf den Schöpfergeist Gottes zu hören und seine Ordnung, die er in die Welt gelegt hat, zu achten. Der Künstler stellt dies
bildlich dar, indem er den Kopf der Taube – das Symbol des Geistes – in die Mitte der versammelten Menschheitsfamilie weisen lässt. Gott
senkt seinen lebenschaffenden Geist in das Geheimnis Jesu hinein. Die Osterkerze steht für den Bund Jesu Christi und seinen Neuanfang. Jesus
Christus verschenkt sein Licht und seinen Geist. Sich diesem Geist öffnend sorgen sich die Menschen gemeinsam um die begrenzten Rohstoffe.
Der Mensch trägt Verantwortung für die Mitschöpfung – schon allein aus Rücksicht auf sein eigenes Überleben, aber auch aus Achtung vor seinem
Schöpfer. Das sind wir zudem unseren Kindern und Kindeskindern, den künftigen Generationen schuldig. »Gottes Schöpfung bewahren – damit alle
leben können«: So lautet das Leitwort Misereors und der Titel des Hungertuchs.
Hier schließt sich nun der Kreis der Themen: Gottes gute Schöpfung, die Zerstörung durch den Menschen und die neue Ausrichtung auf die
Bewahrung der Schöpfung. Die Frage ist: Wo sind wir auf diesem Bild zu finden? Unser Platz ist wahrscheinlich in vielem noch beim
gedankenlosen Ausschöpfen der momentanen Möglichkeiten. Vielleicht ist unser Bewusstsein auch schon geschärft dafür, dass es so nicht weiter
gehen kann. Spätestens die steigenden Kosten lehren uns das Umdenken. Aber Umweltschutz braucht stärkere Wurzeln als nur finanzielle Gründe.
Vielleicht rächt sich auch, dass wir uns als Kirche lange Zeit zu fein waren für solche weltlichen Themen wie Umweltschutz. Aber spätestens
mit dem konziliaren Prozess und der ersten europäischen Ökumenischen Versammlung 1989 in Basel ist Bewahrung der Schöpfung ein Grundanliegen
christlicher Verantwortung. Die folgende Ökumenische Weltversammlung von Seoul 1990 formulierte als eine der 10 Grundüberzeugungen: „Wir
bekräftigen, dass Gott die Schöpfung liebt. … Da die Schöpfung von Gott ist und seine Güte die ganze Schöpfung durchdringt, sollen wir alles
Leben heilig halten … Und weiter heißt es: Wir bekräftigen, dass das Land Gott gehört. Der Mensch soll Boden und Gewässer so nutzen, dass die
Erde regelmäßig ihre lebensspendende Kraft wiederherstellen kann, dass ihre Unversehrtheit geschützt wird und dass die Tiere und Lebewesen
den Raum zum Leben haben, den sie brauchen. Wir werden jeder Politik widerstehen, die Land als bloße Ware behandelt.“ Wenn wir die Worte
Jeremias noch im Ohr haben, dann müssen wir wohl feststellen: Es muss noch geschehen, was der Prophet für den neuen Bund Gottes mit seinem
Volk angesagt hat: Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz. (Jer 31,31f) Die Verpflichtung zur Bewahrung der
Schöpfung darf uns nicht nur in schöne Gesetze, unverbindliche Appelle, und auf den Geldbeutel geschrieben sein. Sie muss uns Herzensanliegen
und tägliche Einstellung werden. Darum ist es gut, dass Misereor sich dieses großen Themas angenommen hat mit seinem Leitwort: „Gottes
Schöpfung bewahren – damit alle leben können.“ Mit den „Leitlinien zum Klima- und Umweltschutz“ setzt die Erzdiözese Freiburg ein deutliches
Signal für einen behutsamen Umgang mit der Umwelt. Dazu zählt insbesondere die Einsparung von Energie und der verstärkte Einsatz erneuerbarer
Energien. Bundespräsident Köhler formuliert in seiner jüngsten Rede (24.3.09 Berlin) sehr prägnant und pointiert: „Wenn die ganze Menschheit
schon heute so leben wollte wie wir, dann bräuchten wir schon jetzt mehr als eine Erde. Aber wir haben nur die eine. … Immer mehr ziehen
daraus persönliche Schlussfolgerungen und ändern ihre Lebensgewohnheiten. … Der Klimawandel zeigt: Die Erde wird ungeduldig. Wir brauchen
eine neue Balance zwischen unseren Wünschen und dem, was der Planet bereit ist zu geben. … Dazu müssen die armen und die reichen Nationen
aufeinander zustreben. Die reichen, indem sie Energie und Ressourcen einsparen und die Technik dafür liefern. Die armen, indem sie von
vornherein ihr Wirtschaften auf das Prinzip der Nachhaltigkeit ausrichten und unsere Fehler vermeiden. Es geht um ein Wohlstandsmodell, das
Gerechtigkeit überall möglich macht.“ Wir haben in der Seelsorgeeinheit bei den letzten Baumaßnahmen z.B. in Rheinfelden umgestellt auf
eine Hackschnitzelheizung, die mit erneuerbarer Energie läuft. Wir haben Wärmedämmung in den Pfarrhäusern Rheinfelden und Nollingen
vorgenommen. Damit ist es natürlich noch nicht getan. Es muss noch weitergehen in die entsprechende Richtung. Und es muss wirklich jedem
Haushalt mehr und mehr eine umwelt- und klimaverträgliche Einstellung in Fleisch und Blut übergehen. Eine wichtiger Schritt ist heute auch,
dass wir das Hilfswerk Misereor in seiner Entwicklungsarbeit unterstützen und zu einem gerechteren Verteilen der Lasten beitragen.
Amen. |