Predigtreihe „Hungertuch 2009“ von Pfr. Anton Frank
2. Gefährdung der Schöpfung
Wir wenden uns heute dem zweiten Bereich des Hungertuchs zu: der Gefährdung der Schöpfung. Der Künstler Tony zeigt im linken Teil des
Hungertuchs was passiert, wenn sich die Menschen nicht an die Schöpfungsordnung Gottes halten. Tony malt, was er in seinem Heimatland Nigeria
gesehen und erfahren hat.
Fabrikschornsteine blasen ihren giftigen Rauch in die Luft: Wenn so produziert wird, wird Gottes Schöpfung zerstört. Die Schlote
durchstoßen den Flügel der Taube und dringen frech in den Bereich vor, der eigentlich Gott gehört. Die Fabrikschlote mit ihren Giftwolken
erinnern mich irgendwie an Kerzen, die auf dem Altar der Fortschrittsgläubigkeit inzwischen gelöscht sind.
Doch es geschieht noch mehr: Wenn die Luft so verschmutzt wird durch CO2 und Treibhausgase, dann verändert sich das Klima. Die Erde
trocknet aus und die Ernte auf den Feldern verdorrt, die Pflanzen biegen sich verdorrend zur Erde. Sie ernähren nicht mehr. Flüsse schwellen
an. Sie reißen Menschen, Hütten und Leben mit sich. Hunger treibt die Menschen davon. Sie müssen auswandern in fremde Länder, wo sie nicht
gern gesehen sind, und zuhause verfallen die Hütten. Zwei dieser Rundhütten sehen wir in gefährlicher Schieflage am Rand des angeschwollenen
Flusses. Es sind die traditionellen Hütten der Igbo, zu denen auch der Künstler gehört. Irgendwie erinnern sie mich an Gesichter, die
um Hilfe schreien, und es fällt mir dazu das Wort des Apostels Paulus ein, der im Römerbrief schreibt: „Die ganze Schöpfung wartet
sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit
und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.“ Das
ist eine ungewohnte Sicht, die allem, was geschaffen ist, gleichsam eine Seele zuspricht. Frei aber kann die Schöpfung erst werden, wenn wir
Menschen frei geworden sind, unsere Mitschöpfung liebevoll, achtsam, und mit Rücksicht auf die Lebensrhythmen zu behandeln.
Tony hat auch den Niger gemalt, den größten Fluss Nigerias. In seinem Mündungsgebiet gibt es viel Erdöl. Das könnte ein Segen für das Land
und für die Armen dort sein. Doch das Gegenteil ist der Fall: Ausländische Unternehmen aus den Industrieländern und die bestechliche
Regierung Nigerias beuten das Erdöl aus, ohne dass die Menschen in Nigeria etwas davon haben. Schlimmer noch: Das Wasser des Flusses wird
mehr und mehr mit Öl verseucht. Wo früher Tonys Schwiegermutter auf ihren Feldern unweit des Flusses Getreide anbaute, wächst nun nichts
mehr, da das Öl auch das Land unbrauchbar macht.
Und natürlich können auch die Fische in dem verölten Flusswasser nicht leben. Ölklumpen verschmutzen den Niger und das angrenzende
Farmland. Der kleine Junge auf dem treibenden Erdölfass schaut verzweifelt und hilfesuchend um sich: Seine Zukunftschancen sehen düster
aus. Der Künstler hat dem Jungen auf dem Fass die Gesichtszüge seines jüngsten Sohnes gegeben. (Es ist der Kleine in der Mitte.) Das
bringt uns auf die Frage: Wie gehen wir mit dem Erbe kommender Generationen um?
Aus seiner Erfahrung in seiner Heimat heraus setzt Tony Umweltzerstörung und Klimawandel ins Bild: Bodenerosion und vertrocknete Felder.
Anschwellende Flüsse, vom Rohöl verschmutzte Gewässer, die Fische töten und Landwirtschaft verunmöglichen. Der Reichtum geht, die Armut
bleibt – eine Erfahrung, die Misereor-Partner überall in Afrika, Lateinamerika und Asien machen. Dies wollen sie ins Bewusstsein unserer
Gemeinden bringen. Der Künstler malt die Gefahr, die durch Luftverschmutzung der Menschheit droht. Mit seiner apokalyptischen Farbgebung
warnt er vor den Folgen des Klimawandels.
»Der Klimawandel stellt gegenwärtig die wohl umfassendste Gefährdung der Lebensgrundlagen der heutigen und der kommenden Generationen
sowie der außermenschlichen Natur dar und ist damit eine ernste Herausforderung für die Schöpfungsverantwortung.« So heißt es in einem von
den dt. Bischöfen 2007 herausgegebenen Text zum Klimawandel.
Wir im klimatisch gemäßigten Mitteleuropa beklagen möglicherweise nur einen verregneten Sommer, ungewohnt heftige Winterstürme oder
Schneemangel in einstmals schneesicheren Gebieten. Im Mittelmeerraum werden die Sommer heißer, Wasserrationierungen müssen in den heißen
Monaten den Verbrauch einschränken. Einige Flugstunden von uns entfernt – in Afrika, Asien und Lateinamerika – fallen den Auswirkungen des
Klimawandels in jedem Jahr jedoch bereits zehntausende Menschen zum Opfer: Extreme Wetterereignisse wie Überflutungen und Stürme nehmen an
Stärke und Häufigkeit zu, führen zu Ernteausfällen und beschleunigen die Ausbreitung von Krankheiten, während andernorts in ohnehin trockenen
Regionen der Regen ausbleibt. Die Zeit drängt also.
Mit dem stark gestiegenen Verbrauch fossiler Brennstoffe und der Abholzung der Wälder seit dem Beginn der Industrialisierung hat die
Menschheit Wirkungen auf das globale Klima erzeugt, die weltweit spürbar werden. Während der Wohlstand der Industrienationen wächst,
verschlechtern sich die Lebensbedingungen der Mehrheit der Menschen in den Entwicklungsländern. Die große Zahl derjenigen, deren »täglich
Brot« nicht gesichert ist, droht aufgrund des Klimawandels noch zu steigen. Für arme Menschen, die keine Vorräte anlegen oder Versicherungen
abschließen können, bedeutet das Hunger und Not. Klimawandel ist also nicht »nur« ein Umweltproblem, sondern die Spitze des Eisbergs in einer
ungerechten Welt. Die Folgen werden unsere Kinder und Kindeskinder zu tragen haben. Der Klimawandel verändert außerdem tief greifend die
Lebensbedingungen der Natur. Lebensräume für Pflanzen- und Tierarten verschwinden, und damit wird auch die biologische Vielfalt der Erde
geringer. Wer sich zum Glauben an den biblischen Gott bekennt, muss sich verantwortlich zeigen gegenüber den Menschen und der Natur. Als
Christen dürfen wir nicht dazu schweigen. Die Fastenzeit hat auf diesem Hintergrund den Sinn, unsere Alltagsgewohnheiten zu hinterfragen auf
ihre Nachhaltigkeit und Verantwortung für kommende Generationen und will helfen, in kleinen Schritten einen alternativen Lebensstil
einzuüben. "Wer sich für die Bewahrung der Schöpfung einsetzt, dem bleibt die bedrückende Erfahrung nicht erspart: Dieselben Menschen,
die keinen Apfel von Nachbars Baum pflücken würden, verfeuern und verfahren unersetzbares Öl und Benzin. Dieselben Leute, die niemandem ein
Haar krümmen würden, vergiften bedenkenlos Luft und Wasser. So fest es in den meisten Menschen verwurzelt ist, nicht zu stehlen und nicht zu
töten, so wenig besteht ein persönliches Unrechtsbewusstsein, wo man lebenswichtige Güter der Schöpfung ausraubt, wo man Leben von Menschen
und Mitwelt zerstört durch die alltägliche Praxis der technischen Zivilisation." Zur Zeit Jesu waren Täter und Opfer, das Tun und die Folgen
nah beieinander. Heute besteht da ein großer Abstand. Oft fehlt das Wissen um den Zusammenhang zwischen Verhalten und Folgen. Es fehlt die
persönliche Betroffenheit durch den angerichteten Schaden. Es fehlt ein gesamtgesellschaftliches Unrechtsbewusstsein. In dem bereits
angeführten Text zum Klimawandel heißt es am Schluss: In Solidarität mit den gegenwärtigen und künftigen Opfern des Klimawandels auf Seiten
der Armen und Schwachen zu stehen, ihre Interessen zu vertreten, ist eine zentrale Aufgabe der Kirche. Die Kirche selbst muss mit sichtbarem
Beispiel vorangehen. Für den christlichen Glauben ist der konsequente und engagierte Einsatz für den Klimaschutz nicht eine Nebensache,
sondern eine Bewährungsprobe. So bringt uns die Betrachtung des Hungertuchs auf eine Problematik, die wir nicht mehr wegschieben dürfen und
können. |