Predigtreihe „Hungertuch 2009“ von Pfr. Anton Frank 1. Schöpfung
Wir werden in der Fastenzeit an drei Sonntagen das neue Hungertuch im Gottesdienst zum Thema haben. Die Misereor-Hungertücher verbinden
uns mit dem Leben der Menschen in anderen Kontinenten. Künstler erschließen uns mit den Hungertüchern ihre Lebenswelten mit ihren Nöten und
Sorgen, mit ihrer Hoffnung und ihrer Lebensfreude.
Das diesjährige Hungertuch hat der afrikanische Künstler Tony Nwachukwu aus Nigeria geschaffen. Er sagt selbst: »Das Hungertuch hat viel
mit den Menschen im Niger-Delta zu tun. Viele der weltweit drängenden Probleme sind auf unseren schlechten Umgang mit der Umwelt zurück zu
führen. Die Folgen dieser Ausbeutung erfahren wir am eigenen Leib: Dürren, Überschwemmungen, den Raubbau der Öl-Firmen im Delta des Niger,
verseuchte Flüsse und versiegende Trinkwasserbrunnen – das sind aktuelle Themen in Nigeria«, erklärt der Künstler nachdenklich. Darum hat er
auch ein Büro eingerichtet, in dem er seine Landsleute über die Möglichkeiten von Solarenergie berät.
Das Bild ist gegliedert in drei Bereiche: die Schöpfung im oberen Teil, die Gefährdung der Schöpfung links, die Vision von der Bewahrung
der Schöpfung durch die Menschen aller Kontinente rechts. Wir wenden uns heute dem oberen Teil zu: der Schöpfung.
Da sehen wir zunächst den ausgestreckten Arm Gottes, wie wir es aus der Sixtinischen Kapelle in Rom kennen, der den Lebensfunken nun nicht
auf Adam, sondern einen Knochen überträgt, um den herum eine Schriftrolle gewickelt ist, die sich von oben herablässt und sich in einen immer
feiner werdenden Faden in die Welt senkt. Gottes Wort bringt alles Leben hervor. Die Bibel sagt uns: Gottes Schöpfergeist schwebte über
allem. Der Künstler hat das mit der Taube ins Bild gesetzt. In deren ausgebreiteten Flügeln ist der ganze Schöpfungsvorgang mit all den
Tieren, Vögeln und Pflanzen, mit Sonne und Mond und den Menschen dargestellt. Man kann dabei denken an das Schema der sieben Schöpfungstage.
Was vorher links nur als Strichfigur sozusagen im göttlichen Denken da ist, das bekommt durch das Schöpfungswort seine stoffliche
Verwirklichung auf der rechten Seite. Erkennbar sind Sonne Mond, Planeten, dann aber auch Pflanzen, Vögel, Fische, Reptilien, sogar die
ausgestorbenen Sauriere und auch der Mensch.
Die Schöpfungskraft Gottes schafft selbst aus Totem Leben. Die Schriftrolle ist auf einen frühlingsgrünen Knochen gewickelt. Damit greift
der Künstler die Vision des Propheten Ezechiel mit dem Feld der zerstreuten Gebeine auf (Ez 37), wo es heißt: »So spricht Gott, der Herr zu
diesen Gebeinen: Ich selbst bringe Geist in euch, dann werdet ihr lebendig.«
Die Bibel kennt 2 Schöpfungserzählungen: der jüngere aus der Zeit des babylon. Exil mit dem Schema der Siebentagewoche. Der Mensch bekommt
von Gott den Auftrag: „Seid fruchtbar, und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres,
über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“ Dieser Auftrag hat dort seinen Sinn, wo der Mensch den Gefahren
der Natur ausgesetzt ist. Gott gibt dem Menschen aber noch einen anderen Auftrag in der zweiten, älteren Schöpfungserzählung. Dort
heißt es: „Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte.“ Für dieses Hegen und
Pflegen gibt es das lateinische Wort „colere“ mit der Bedeutung: pflegen, bebauen. Von diesem Wort ist das bekannte Wort Kultur abgeleitet.
„Colere“ hat aber auch noch eine dritte Bedeutung, es heißt auch verehren und begegnet uns wieder in der Bedeutung des Wortes Kult. Dieses
Bebauen weiß also darum, dass nicht alles in das Machen des Menschen gelegt ist, dass es etwas zu bewahren gibt, was staunenswert und
verehrungswürdig ist, was von dem großen Gärtner, Gott selbst, kommt. Wo die Natur in der Gefahr steht, dass der Mensch sie rücksichtslos
ausbeutet und schädigt, da hat das „Bebauen und Hüten“ seinen wichtigen, korrigierenden Sinn.
Mit dem 200 Geburtstag von Charles Darwin kann man in der Presse immer wieder Meldungen lesen wie auch neulich in der Badischen Zeitung:
Nicht Gott hat den Menschen erschaffen, sondern die Natur. Da stellt sich natürlich für uns die Frage, wie ist die Aussage der Bibel zu
verstehen. Lange Zeit hat man die Bibel wortwörtlich verstanden. Dann war die Erschaffung in 7 Tagen eben eine Entwicklungszeit von 7mal 24
Stunden. Inzwischen hat man erkannt, dass diese Texte nicht naturwissenschaftlich verstanden sein wollen, sondern dass sie eigentlich hoch
philosophische Texte in erzählerischem Gewand sind.
Die Bibel lehnt daher nicht, wie manche bibelfundamentalistischen Kreise es tun, die Ergebnisse der Naturwissenschaft ab. Sie legt
vielmehr sogar nahe, die Welt als eine Werde-Welt zu verstehen, eine Welt, die sich entwickelt, weil Gott in sie die Möglichkeit zur
Entwicklung hineingelegt hat. Darum ist eine Aussage wie diese: „Nicht Gott hat den Menschen erschaffen, sondern die Natur.“ nur zur Hälfte
richtig: die Entstehung des Menschen hat natürliche Entwicklungsschritte. Aber eine Aussage über Gott kann die Naturwissenschaft nicht
machen, Gott steht außerhalb der Ursache-Wirkungs-Kette. Und darum ist es nach wie vor möglich, die Tatsache, dass es eine Welt gibt und
nicht nichts, vom Glauben her zu deuten und sie dankbar auf ein unvergleichliches Schaffen Gottes zurückzuführen. Eine ehrliche
Naturwissenschaft erkennt dies, dass sie den Schritt vom Punkt Null ins Dasein nicht erklären kann. Sie kann ja immer nur das untersuchen,
was gegeben ist, Gott aber ist ihr entzogen.
Daher brauchen wir keine Angst zu haben vor der Evolutionslehre. Echter Glaube und echtes Wissen können keine Gegensätze sein, die sich
ausschließen. Der Menschen wird auch nicht kleiner, wenn er aus natürlichen Entwicklungsstufen kommt, und Gott wird nicht kleiner, wenn er
die Welt als eine Werde-Welt angelegt hat.
Was wir von den Ergebnissen der Wissenschaften her sagen können, ist etwa dies: Vor ungefähr 13,7 Milliarden Jahren ist das Universum
entstanden; seit etwa 4,5 Milliarden Jahren gibt es den Planeten Erde. Vor ungefähr 3,5 Milliarden Jahren haben sich die ersten komplexen
Lebensformen ausgebildet; aber die ersten Frühmenschen mit aufrechtem Gang lassen sich erst vor 1,5 Milliarden Jahren nachweisen (homo
erectus). Von Menschen in dem uns vertrauten Sinn (homo sapiens) aber können wir erst seit 200.000 Jahren sprechen. Der Theologe Hans Küng
kommentiert das zu Recht so: »Der Kosmos existierte also fast die ganze Zeit ohne die Menschheit, er könnte selbstverständlich ohne diese
Menschheit weiterexistieren, die in ihrer kurzen Geschichte sogar die Fähigkeit erlangte, sich selber zu vernichten.«
Die Darstellung der Schöpfung in Gestalt eines Sechstagewerks erweckt vielleicht den Eindruck, als sei die Schöpfung ein für allemal
abgeschlossen worden. Manche Denker haben dies dahingehend gesteigert, dass sie sich Gott wie einen Uhrmacher vorstellten, der seine
Tätigkeit damit beendet, dass er das Uhrwerk, nachdem er es hergestellt hat, in Gang setzt; Doch diese deistische Auffassung von einem
Uhrmacher Gott ist weder mit dem biblischen Schöpfungsverständnis noch mit naturwissenschaftlicher Einsicht zu vereinbaren. Beiden kommt
eine theologische Konzeption näher, die zwischen der Schöpfung am Anfang, der fortgehenden Schöpfung und der neuen Schöpfung am Ende der
unterscheidet. Der schöpferische Prozess umfasst die Weltzeit im Ganzen. So können wir sagen: Auch heute ist Gottes schöpferisches Wirken
am Werk. Was wir aber vom biblischen Schöpfungsglauben besonders festhalten sollten ist die Haltung der Demut und
Verantwortungsbereitschaft gegenüber Gottes Schöpfung. Heute geht es wohl besonders darum, die Ehrfurcht vor der Güte der Schöpfung zu
erneuern, die bewusste Freude an ihren Gaben mit der Bereitschaft zu ihrer Bewahrung zu verbinden und in die Verantwortung für die Zukunft
des Lebens einzutreten. Die Größe der Aufgaben, um die es hier geht, sollte niemanden davon abhalten, den ihm möglichen Beitrag zu leisten.
Vielmehr ist jeder einzelne Beitrag zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz sinnvoll und notwendig. Die Fastenzeit hat auf diesem Hintergrund den
Sinn, unsere Alltagsgewohnheiten zu hinterfragen auf ihre Nachhaltigkeit und Verantwortung für kommende Generationen und in kleinen Schritten
einen alternativen Lebensstil einzuüben. |