Sonntag, 30.12.2007 Fest der Heiligen Familie
Sir 3,2 6 12 14; Kol 3,12 21; Mt 2,13 15.19 23
Predigt von Pfr. Anton Frank

Seit dem Jahr 1921 feiert die Kirche das Fest der Heiligen Familie, eingeführt für die Gesamtkirche drei Jahre nach Beendigung des Ersten Weltkrieges. Nicht zufällig fiel die Einführung dieses Festes in eine alles umwälzende Zeit, in der die Kirche als bestimmende Mitte des öffentlichen und privaten Lebens zunehmend verblasste. An ihre Stelle traten neue Kräfte, die die Menschen faszinierten: das freie Bürgertum, die sozialistische Idee und vor allem der technische Fortschritt mit der wachsenden Industrialisierung.

Immer mehr aus dem öffentlichen Raum des gesellschaftlichen Lebens verdrängt, wandte sich die Kirche an den privaten Raum der Familie, um das Ohr der Menschen zu erreichen. Angesichts der gewaltigen Veränderungen und der unaufhaltsamen Säkularisierung des allgemeinen Bewusstseins sollte die Heilige Familie von Nazaret den christlichen Familien ein Vorbild sein und als Orientierung dienen. Die Familie sollte so ein allem Neuen widerstehender Hort werden, in dem der Einzelne für seinen Glauben den nötigen Rückhalt finden könnte.

Heutige Eltern, besonders diejenigen, die sich bewusst um ein christliches Familienleben bemühen, stellen immer mehr fest, dass sie den außerfamiliären Einflüssen auf ihre Kinder nicht mehr leicht gewachsen sind und der Doktrin des Zeitgeistes wenig entgegenzusetzen haben. Viele glauben wohl so auch den Kampf um den Glauben ihrer Kinder verloren. Doch muß man hier vorsichtig hinzusetzen, seinen Glauben weitergeben schließt mit ein, die Söhne und Töchter an ihre eigene Lebensgeschichte freigeben. Sie müssen nicht uns und unseren Formen folgen, sondern müssen lernen, auf ihre Weise Jesus zu folgen. So ist doch noch längst nicht alles verloren, wo wir uns Sorgen machen.
Diese Situation fordert dazu heraus, die Vorstellung von der Heiligen Familie neu zu befragen.

Das Neue Testament stellt die Heilige Familie nicht auf der menschlich natürlichen Ebene dar, auch nicht als Hort der Moralität und der guten Sitten. Das lag den neutestamentlichen Autoren fern. Die Heilige Familie ist vielmehr von Gott einbezogen in den Prozess, seine Verheißung zu erfüllen und seinen Heilsplan ans Ziel zu bringen. Nur so spricht das Neue Testament von Josef, Maria und Jesus: wie Gott durch Menschen und ihren freien Willen handelt. Er wollte mit ihnen der Christenheit nicht ein moralisches Vorbild geben, sondern er wollte der Welt den Ort der Erlösung stiften. Dass sie daran in dieser Weise beteiligt sein sollen, lässt Josef und Maria zunächst erschrecken, so dass der Engel sie ermutigen muss: Fürchte dich nicht." Und auch für Jesus kommt die Stunde, da ihm die Ergebung in Gottes Willen das Äußerste abverlangt. Die Gestalten der Heiligen Familie folgen schließlich nicht eigenen, "natürlichen" Wünschen. Sie sind Hörende. Sie lassen sich führen von einem fremden Wunsch in der Spur eines Abraham, eines Mose, die allesamt von ihren Familien Abgesprengte, für Gottes Auftrag in Beschlag Genommene waren. Weil die Heilige Familie nicht dem Bild einer bürgerlichen Familie folgte, sondern der Anrede Gottes, werden sie selbst zu Fremden: Sie müssen fliehen, wie das heutige Evangelium erzählt. Und Jesus bricht später um seines Auftrages willen aus dieser Familie aus. Bereits als Zwölfjährigen "verlieren" ihn die Eltern und finden ihn im Tempel wieder.

Als Jesus erwachsen geworden ist, versuchen die Verwandten, ihn einzufangen und dem Clan-Denken unterzuordnen, weil dieser Sohn aus ihrem Haus ihnen peinlich ist und sie um ihren guten Ruf fürchten. Von Josef ist da bereits nichts mehr zu spüren, so dass wir ihn wohl als gestorben denken müssen. Als seine Mutter ihn einmal zu sprechen sucht, - wohl im Auftrag der bestimmenden Köpfe der Großfamilie, die das Sagen hat, wie es auch heute noch in orientalischen Ländern Sitte ist, und um Schlimmeres zu verhüten - brüskiert Jesus sie mit der Antwort: Wer ist meine Mutter? Mir ist Bruder, Schwester und Mutter, wer den Willen meines Vaters tut. Und entsprechend diesen Worten feiert Jesus das Pascha, das letzte Abendmahl nicht im Rahmen seiner Familie, sondern mit denen, die seinen Worten Glauben geschenkt haben.

Heilige Familie? Um zu verstehen, was dieser Titel bedeutet, muss man auf das Ende ihrer Geschichte sehen. Was ist denn aus ihr geworden? Was ist durch sie geworden? Im Gehorsam nicht ausgewichen, im Leiden erprobt bis zur Kreuzesstunde, wurde sie der Anfang von etwas Neuem in der Heilsgeschichte. Deshalb mögen wir sie "heilig" nennen. Sie hat die Stiftung der Neuen Familie ermöglicht, wie Jesus sie zu sammeln begann und wie sie an Pfingsten als vielsprachige, das heißt internationale Gemeinde in Erscheinung tritt. Nicht in bürgerlichen Kleinfamilien findet das Haus von Nazaret seine Erfüllung, sondern in den Gemeinden, an die Paulus seine Briefe richtet. Ihre Mitglieder nennt er "Glieder des einen Leibes", die sich durch gegenseitiges Erbarmen, Verzeihen und Einmütigkeit als Leib Christi auszeichnen (2. Lesung).

Die Familie als natürliche Größe gründet sich auf naturhafte Bindungen zwischen den Eltern und zwischen Eltern und Kindern. Das Gebilde aber, das Paulus vor Augen hat, ist auf der Wahl Gottes, der Berufung in der Taufe gegründet. Was die Leute von Kolossä zusammenhält, ist die Erfahrung, die Paulus so umschreibt: "Ihr seid von Gott geliebt." Einen anderen Grund hat ihr Zusammenbleiben nicht. So entsteht die Neue Familie über Generationen, Stammes und Sprachgrenzen hinweg. Die natürlichen Bindungen hebt sie nicht auf, aber nimmt sie in Dienst und gibt ihr einen neuen Sinn.

Der "Friede Christi", den Paulus der Gemeinde in Kolossä zuspricht, ist das täglich neue Einssein derer, die sich nicht gegenseitig ausgesucht haben, sondern die Gott ausgesucht und zusammengetan hat zum Zeugnis der Sendung Jesu. Das Ja Jesu zum Willen des Vaters hat reiche Frucht gebracht, ermöglicht durch das Ja Mariens und den zustimmenden Gehorsam Josefs. Die Schrift sieht die Erlösungstat Jesu im Zusammenhang der neuen Gottesreichgemeinschaft. 'Heilig' ist das Wort dafür, dass Gott nach dem Leben eines Menschen oder eben einer Familie gegriffen hat. Paulus nennt die Gemeindemitglieder in Kolossä und anderswo Gottes "auserwählte Heilige". Er meint damit nicht Tugendbolde, sondern Menschen wie du und ich, erwähnenswert deshalb, weil ihnen der Dienst zugefallen war, an ihrem neuen Leben als Familie Gottes seine Herrlichkeit sichtbar zu machen. Als solche sind sie die Früchte des Gehorsams von Maria, Josef und Jesus.

Was wäre geworden, wenn Jesus daheim geblieben wäre in Nazaret, ein braver Sohn seiner Eltern, ein fleißiger Schreiner, später dann ein vorbildlicher Ehemann und Familienvater? Die Erlösung wäre nicht wirklich Fleisch geworden.

Die Heilige Familie lehrt uns, dass die natürliche Familie aus sich selbst keine heilen Verhältnisse schaffen kann, dass sie angewiesen ist auf die Neue Familie in der Nachfolge Jesu, die Gemeinde, die Kirche. Gemeinde Jesu ist der Raum der Erlösung und Familie ist nach dem Verständnis des Vat. II Kirche im kleinen.

Hier ist der Ort, wo ich eine Neuerung ansprechen möchte, die im Neuen Jahr eintritt. Unsere Familie „Kirchengemeinde St. Josef„ bekommt gewissermaßen Zuwachs. Sie haben schon gelesen und vielleicht gehört, dass in die Wohnanlage in der Kronenstraße Bewohner aus dem St. Josefshaus Herten ziehen werden und damit auch zu unserer Kirchengemeinde gehören. Wir haben im Herbst schon ein Gespräch mit Verantwortlichen aus den Gruppierungen und Gremien unserer Gemeinde und Verantwortlichen aus dem SJH geführt. Im Pfarrblatt haben wir die neuen Gemeindemitglieder willkommen geheißen, und ich möchte nun auch Sie als Gottesdienstgemeinde darum bitten, die neuen Kirchenbesucher, wenn sie zu uns kommen, gut aufzunehmen. Sie wissen vielleicht, dass zu meinen Aufgaben nach wie vor auch die Seelsorge im St. Josefshaus gehört. So weiß ich, dass einige der Herziehenden als Ministranten, die sie bisher im St. Josefshaus waren, gerne auch bei uns ministrieren wollen. Es gibt darüber hinaus auch weitere Gelegenheiten, wo die Bewohner der Wohnanlage Kronenstraße gerne Angebote und Veranstaltungen bei uns wahrnehmen und besuchen wollen. Auch hier gilt unser herzliches Willkommen. Wer, wenn nicht wir als Kirchengemeinde sollte ein Gespür für Menschen mit einer Behinderung und einer nicht einfachen Lebensgeschichte haben? Es steht uns gut an, uns auf Begegnungen mit ihnen einzulassen und ihre feine Menschlichkeit kennenzulernen. Menschen mit einer Behinderung haben eine reiche Lebenserfahrung und wissen oftmals besser als wir Normal-Behinderten, was zählt und gut ist, auch wenn sie dies nicht unbedingt artikulieren können. Sie werden daher auf ihre Weise Nähe und Kommunikation einfordern, was aber auch uns gut tut. Wir haben nur ein Problem, wenn wir Menschen mit einer Behinderung im näheren Umkreis nicht kennen: die eigene Unsicherheit und Berührungsangst. Aber dieses Problem ist schnell überwunden, wenn wir uns auf sie ganz normal einlassen. Ich freue mich auf diese Bereicherung in unserer Gemeinde.

Ob nicht am Fest der Heiligen Familie wir uns daran erinnern müssten, dass der Aufruf "Komm und folge mir nach", und "Ich will euch zu Menschenfischern machen" jede christliche Familie herausfordert, sich für die größere Aufgabe bereit zu halten? Von hier aus, vom Maß des Evangeliums aus, lässt sich ein Weg finden, durch den die Glaubensnot der heutigen christlichen Familien eine Antwort finden könnte: indem Personen aus zwei bis drei Generationen gemeinsam sich als Glieder der Neuen Familie bereit finden, zu je eigenem Dienen in der Nachfolge des Meisters Jesus Christus. Familie ist dann so etwas wie Kirche im Kleinen und Kirche bekommt Qualitäten der Familie. Was beiden gut tut.