4. SONNTAG Lesejahr C – Sonntag, 28. 1. 2007
Das siebenmalige „Heute“ bei Lukas Evangelium nach Lukas 4, 21-30
Ein kleines Wort aus dem Evangelium soll heute die Mitte unserer Betrachtung sein. Es hat Menschen getröstet und mit Hoffnung erfüllt, die
Leute von Nazaret aber hat es auf die Palme gebracht: Das Wort „Heute“. „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt“,
sagt Jesus. Wir hören ja im Lesejahr C immer wieder Stücke aus dem Lukasevangelium. Es ist Ihnen vielleicht noch in Erinnerung, wie das
Wort „Heute“ in der Weihnachtsbotschaft der Heiligen Nacht zu hören war. Dort hat es geheißen: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter
geboren; er ist der Messias, der Herr.“ (Lk 2,11) Der Evangelist Lukas scheint eine Vorliebe für das Wort „Heute“ zu haben. Es begegnet uns
7-mal an besonders herausgehobenen Stellen. Lukas erzählt bei den wichtigsten Ereignissen im Leben Jesu, dass „heute“ den Menschen Heil
geschenkt worden ist. Das erste „Heute“ deutet die Geburt Jesu: Heute geschieht die Erfüllung der alttestamentlichen Verheißung
eines Messias, der das Volk befreien wird. Dann bei der Taufe Jesu spricht die Stimme aus dem Himmel: „Mein Sohn bist du, heute habe
ich dich gezeugt. „ (Lk 3, 22) In der Taufe wird Jesus als Sohn Gottes bestätigt und er empfängt den Heiligen Geist, damit er nun in der
Kraft des Geistes seinen Weg gehe, Kranke heile und Gottes Taten vollbringe.
Bei seiner Antrittspredigt in der Synagoge von Nazareth verkündet Jesus: „Heute hat sich dieses Schriftwort, das ihr eben gehört habt,
erfüllt.“ (Lk 4,21) Mit dem Auftreten Jesu ist etwas Besonderes angebrochen, eine Zeit des Heils. Heute vollzieht sich vor den Augen der
Menschen, was Jesaja verheißen hatte: Den Armen wird eine gute Nachricht gebracht, den Gefangenen Entlassung verkündet, den Blinden das
Augenlicht, und die Zerschlagenen werden befreit. Dann eine weitere Stelle im Lukasevangelium: Bei der Heilung des Gelähmten gerieten
die Menschen außer sich. „Sie priesen Gott und sagten voller Furcht: Heute haben wir etwas Unglaubliches gesehen.“ (Lk 5,26)
Dann beim Mahl Jesu mit dem Zöllner Zachäus und seinen Freunden wird das „Heute“ gleich zwei Mal genannt: „Ich muss heute in deinem Haus
zu Gast sein.“ Sagt Jesus zu dem kleingeratenen Zachäus, der im Baum sitzt und von dort hofft, den vorbeiziehenden Jesus zu sehen. (Lk 19,5)
Und als Zachäus durch die Zuwendung Jesu in seinem Herzen verwandelt ist und verspricht, die Hälfte seines Vermögens den Armen zu geben, da
sagt Jesus zu ihm: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden.“ (Lk 19,9)
Das nächste „Heute“ formuliert Lukas bei der Kreuzigung Jesu. Als der Schächer Jesus bittet, er möge an ihn denken, antwortet ihm Jesus:
„Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 2.3,43) Man könnte dieses siebenmalige „Heute“ des
Lukasevangeliums mit den sieben Sakramenten vergleichen. In ihnen geschieht auch heute an uns, was durch Jesus damals geschehen ist. Heute
werden wir neu geboren, heute werden wir mit dem Heiligen Geist gesalbt, heute wird uns unsere Schuld vergeben, heute werden unsere
Krankheiten geheilt, heute feiert Jesus mit uns ein Mahl und erweist uns seine Freundlichkeit. Heute erfahren wir in der Feier von Tod und
Auferstehung Jesu, dass wir schon jetzt teilhaben am Leben des Auferstandenen. Die wichtigsten Stationen im Leben Jesu werden so mit dem
Wort „heute“ verbunden. Wenn die frühen Christen in der Liturgie das „Heute“ hörten, so wussten sie, dass Christus selbst unter ihnen
gegenwärtig war. Sie hatten teil am anbrechenden Heil Jesu Christi. Das, was damals die Menschen zur Zeit Jesu so berührte, was sie in ihrem
Herzen verwandelte und was ihre Wunden heilte, das geschieht aber auch heute an uns. Wir haben Anteil am heilenden und befreienden Wirken
Jesu. Jesus spricht heute zu uns und berührt heute unsere manchmal blinden Augen und unsere lahmen Glieder, denen die Kraft und Hoffnung
fehlt. Mit dieser Theologie des „Heute“ zeigt uns Lukas einen Weg, den „Graben der Geschichte“ zu überbrücken und das Geschehen Jesu heute
als heilend und erlösend zu erfahren. Das ist das Wunderbare an der Heiligen Schrift, dass sie gleichzeitig zeitgebunden und zeitlos
ist. Ihre Worte stammen aus einer bestimmten Zeit, sind zu Menschen einer bestimmten Zeit gesprochen. Und doch gelten sie für die Menschen
aller Zeiten; sie haben für jede Zeit wieder einen neuen Sinn. Das ahnen die Zuhörer Jesu in der Synagoge von Nazareth, und es wird ihnen in
dieser Stunde, als sie Jesus in gespanntem Schweigen zuhören, bewusst: "Heute ist dieses Wort in Erfüllung gegangen." Mit Bewunderung schauen
sie auf seine Gestalt. Sein Ruhm ist auch ihr Ruhm. Gerne lassen sie sich ein wenig von seinem Glanz bescheinen. Er bringt seiner
Heimatstadt Ehre. Aber eines darf er nicht: ihnen mit dem Anspruch kommen, dass nun alles anders werden soll. Dafür ist er ein zu armer
Schlucker. Woher hätte er denn die Mittel, um eine allgemeine Amnestie samt Schuldenerlass auszurufen. Zweifel und Empörung melden sich und
der Vorwurf einer maßlosen Überheblichkeit von Seiten Jesu: Was will denn der, der hat ja selber nichts? Was maßt er sich an, so große Worte
zu spucken? Ist das nicht der Sohn eines gewöhnlichen Handwerkers? So schnell kann eine Stimmung umschlagen ins Gegenteil!
Wenn Schriftworte zeitlos sind, oder besser gesagt für jede Zeit gelten, dann gilt das Wort vom Gnadenjahr auch uns, dann erfüllt es sich
auch heute, dann steht das Leben eines jeden von uns unter dem Heil des anbrechenden Gottesreiches.
Können wir das begreifen: Heute geht dieses Wort vom gnädigen Handeln Gottes für uns in Erfüllung? Dann allerdings mahnt die Geschichte
von den Nazareth-Leuten: wir sind auch in der Gefahr, das Angebot des Heils zu verkennen. Wie oft schon haben wir den Tag begonnen mit den
besten Vorsätzen, aber auf einmal im Verlauf des Tages schlug die Stimmung um, wir wussten nicht wie, und wir gingen Wege, die ins Abseits
führen. Wenn wir die Feste unseres Glaubens feiern, geht es nicht nur um Erinnerungen an damals. Die Kirche ist kein Museum, auch wenn
es uns manchmal so vorkommt. An Jesus Christus glauben macht uns lebendig. Das Heute von damals will zu unserem Heute hier werden.
Es gibt eine schöne jüdische Erzählung, die Aufschluss gibt darüber, dass die Entscheidung über das, was heute möglich ist, bei uns liegt:
Diese Geschichte geht so: Ein gewisser Rabbi Josua trifft den Propheten Elija. Er fragt den Elija: „Wann kommt der Messias?“ Elija
erwidert ihm: „Geh hin und frage ihn selbst!“ „Aber wo finde ich ihn?“ will Rabbi Josua wissen, und er bekommt zur Antwort: „Er sitzt am Tor
der Stadt! Wieder fragt er: „Woran soll ich ihn erkennen?“ Elija antwortet: „Er sitzt unter den Armen, mit Wunden bedeckt. Die anderen binden
ihre Wunden alle zugleich auf und nachher verbinden sie sie wieder. Er aber bindet immer nur eine Wunde auf und verbindet sie anschließend
sofort, denn er sagt sich: Vielleicht werde ich gebraucht! Ich muss immer bereit sein, damit ich keinen Augenblick Zeit verliere.“ Als Rabbi
Josua zum Messias hinkommt, sagte er zu ihm: „Der Friede sei mit dir, mein Meister und mein Lehrer!“ Der Messias antwortet ihm: „Der Friede
sei mit dir, Rabbi Josua!“ Jener fragt: „Wann kommst du?“ Er antwortet: „Heute!“ Als Rabbi Josua nun wieder zu Elija zurückkommt, fragt der
ihn: „Nun, was hat der Messias dir gesagt?“ Rabbi Josua antwortet: „Er hat mich betrogen. Er hat gesagt: Heute komme ich! Aber er ist nicht
gekommen.“ Da entgegnet ihm Elija: „Er hat den Psalm 95 zitiert: Heute noch wenn ihr auf Seine Stimme hört!“
Um die Pointe dieser Geschichte zu begreifen, müssen wir also den Psalmvers vollständig zitieren: „Ach, würdet ihr doch heute auf seine
Stimme hören! Verhärtet euer Herz nicht wie in Meriba, wie in der Wüste am Tage von Massa!“ (Psalm 95, 7f) Der Psalmist erinnert an das
murrende Israel, das sich in der Wüste gegen Mose und gegen Gottes Führung aufgelehnt hat.
Damit ist der Sinn der jüdischen Erzählung klar: Der Messias ist nicht gekommen und kann nicht kommen, weil die Menschen sich ihm
verschließen, ihm nicht begegnen, ihn nicht empfangen wollen. Oder anders gesagt: Solange kann der Messias nicht kommen, solange die Menschen
dieses „Heute“ der Umkehr, der Öffnung und der Begegnung mit ihm nicht wollen.
Nicht morgen also, nicht übermorgen, nicht irgendwann einmal, sondern „heute“ ergeht Gottes frohe Botschaft an uns. Heute trifft uns sein
Wort und will uns zur Antwort bewegen. Heute - oder nie! |