Das ABC des Fastens

Von Vikar Jens Maierhof

A wie Auto-Fasten:
nicht jede Wegstrecke mit dem Auto zurücklegen; mal aufs Fahrrad oder auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen oder zu Fuß gehen – der Umwelt und dem Klima zuliebe, d.h. mehr Zeit für die Wege einplanen und dies als geschenkte Zeit schätzen lernen.

B wie Beten:
sich Zeit nehmen für das Gespräch mit Gott. Auch wenn wir schon länger keinen guten Draht mehr zu ihm haben, den Versuch unternehmen, mit ihm zu sprechen, wie mit einem guten Freund. Beten heißt, ihm zu jeder Zeit alles sagen können. Beten braucht aber auch feste Zeiten – am Morgen oder vor dem Schlafen-Gehen eine Viertelstunde. Beten braucht auch die Gemeinschaft. Sie trägt und stärkt.

C wie Christ-Sein ohne Stress:
das Leben entschleunigen, den Terminkalender entrümpeln und durchforsten nach Wichtigem und Weniger-Wichtigem, sich lösen von Erwartungen und von dem Selbst-Überschätzungswahn „ohne mich geht es nicht“.

D wie Dankbarkeit:
Richtig fasten führt zur Dankbarkeit. Wer fastet, entdeckt, dass er von einem Kapital lebt, das er nicht selber geschaffen hat. Wer fastet erlebt, dass er Empfangender ist und durchbricht so das Denken, dass alles im Leben selbstverständlich ist.

E wie Einfachheit:
Unser Leben ist oft sehr komplex, viele sind satt, weil zuviel auf uns einströmt, weil wir zuviel konsumieren. Wir leben in einer Zeit der „Zuvielisation“. Weniger ist mehr. Im Einfachen liegt ein Zauber, eine Kraft: einfach essen, einfach leben, einfach dasein.

F wie Fasten:
Fasten meint sich festmachen, festmachen in dem, was wichtig ist für das Leben, festmachen in Gott. Das Fasten konfrontiert uns mit den Fragen: Kleben wir nicht Tag für Tag an Dingen, die wir gar nicht benötigen, die uns aber gefangen halten? Leben wir nicht oft so, als hinge unser ganzes Leben nur vom Haben und Haben-Müssen ab?

G wie Geschmack am Leben finden:
Von der Hl Theresa von Avila ist der Satz überliefert: „Tue deinem Leib Gutes, damit deine Seele Lust hat darin zu wohnen.“ Wer fastet im Sinne des Nahrungsverzichts, entschlackt seinen Körper und entgiftet ihn, gerade der Geschmacksinn wird neu sensibilisiert, ein Apfel schmeckt plötzlich so fruchtig wie nie zuvor. Nicht nur festgefahrene Essgewohnheiten können sich ändern. Man wird sensibel für das eigentliche Wunder des Lebens.

H wie Herzlichkeit:
Wer fastet, soll kein finsteres Gesicht machen, sondern sein ganzes Herz öffnen für die Menschen. Die wichtigste Zeit im Leben des Menschen ist immer der Augenblick. Und der wichtigste Mensch ist der, der mir jetzt gerade begegnet. Ihm gilt meine Herzlichkeit, ihm will ich mein Herz öffnen.

I wie Innehalten:
Kurz durchatmen im geschäftigen Alltag. Nutzen wir die verschiedenen unfreiwilligen Wartezeiten: an einer roten Ampel, an der Bushaltestelle, in der Warteschlange im Kaufhaus. Innehalten, einatmen, ausatmen, ganz bewusst und kurz dem lieben Gott sagen „Hier bin ich!“

J wie Jesus Christus:
Beim Fasten geht es weder ums Abnehmen noch um ein heldenhaftes Aufopfern und Verzichten. Ziel des Fastens ist eine intensive und innige Begegnung mit Jesus Christus, ihn besser kennen und verstehen lernen, ihm nachfolgen wollen. Eine Hilfe dabei kann es sein, in der Bibel zu lesen, konkret: in den nächsten Tagen und Wochen das Lukasevangelium von vorne bis hinten lesen.

K wie Konflikte klären:
Mancher Zeitgenosse scheut vor lauter Harmoniesucht jedweden Konflikt, gibt lieber klein bei und frisst alles in sich hinein. In der Fastenzeit auf einen Menschen zugehen, mit dem ein klärendes Gespräch aussteht. Vorher um die Klärung beten.

L wie Lob annehmen und Lob geben:
Mich freuen können, wie ein Kind, wenn ich über mich heraus wachse. Mich mit anderen freuen, wenn ihnen etwas gelingt und sie loben. Im Loben Gott und dem Nächsten ganz nahe sein. Die übliche Frage beim Mittagessen „Schmeckt’s?“ könnte man ersetzen durch die wohlmeinende Nachfrage „Heute schon gelobt?“

M wie maßvoll:
Iss und lebe mit Maß, um ohne Maß lieben zu können, rät Philoxenes, ein Mönch aus dem 5. Jahrhundert. Iss und lebe mit Maß, um ohne Maß lieben zu können.

N wie Nein-Sagen zu den Versuchungen aller Art:
Und hier ist nicht nur die zarteste Versuchung seit es Schokolade gibt, gemeint. Jeder ist seinen ganz eigenen Versuchungen ausgesetzt, jeder hat so seine Schwachstellen. Den Verlockungen und Versuchungen die kalte Schulter zeigen. Und wenn die Widerstandskraft auszugehen scheint, einfach sagen: nur für heute will ich widerstehen und Nein-Sagen, mir zuliebe.

O wie Fasten mit den Ohren:
Bewusst mal die Stille aushalten, auf Walkman, Radiogedudel, sowie auf unnötige und unwichtige Telefongespräche verzichten, das Handy mal ausschalten, bei Geschwätz und Gerede abschalten und nicht zuhören; wenn hören, dann bewusst hören und so neu hören lernen – auf die Stimme in mir, auf die Worte zwischen den Zeilen, auf den stummen Schrei so vieler einsamer Menschen, hören auf das, was Gott mir sagen will.

P wie Paradox:
Fasten ist das Paradox schlechthin: Gewinn durch Verzicht, Zunahme durch Abnahme, das Geringere ist das Größere, weniger ist mehr. Fasten ist ein Weg, der durch die Entsagung nicht etwa zur Schwäche, sondern zu neuer Klarheit und Stärke führt. Habe ich Lust, das einmal auszuprobieren?

Q wie Quellen erschließen:
Oft erleben wir unser Leben als wüst und leer. Wir fühlen uns ausgepowert. Die Fastenzeit ist die Möglichkeit, uns neu auf die Suche nach unseren Quellen zu machen: Was oder wer gibt mir Kraft? Was brauche ich, um so manche Durststrecke durchzustehen? Wie kann ich mir regelmäßig einen Zugang zu dieser Quelle verschaffen? Was kann ich dafür tun, dass diese Quelle nicht versiegt?

R wie Ruhe:
Das Unglück des Menschen beginnt damit, dass er unfähig ist, mit sich selber im Zimmer zu sein, schreibt der französische Philosoph Blaise Pascal. Wer es mit sich selber nicht aushält, hält auch die anderen nicht aus. Damit wir uns im vielfältigen Engagement und in den Herauforderungen des Lebens nicht verlieren, brauchen wir einen inneren Ruheraum. Wir müssen uns dort nicht lange aufhalten, aber dieser Raum sollte uns leicht zugänglich sein. Vielleicht hilft ein Spaziergang, das Anzünden einer Kerze, der kurze Aufenthalt in einer Kirche.

S wie Segnen:
Menschen segnen mit guten Gedanken, bei ihnen verweilen und für sie beten. Aber nicht nur die lieben, die mich auch lieben. Fasten heißt, gerade auch die segnen, mit denen ich mich schwer tue, die gegen mich sind und die mir das Leben schwer machen.

T wie Teilen:
Mich von der Not und den Sorgen anderer berühren lassen und mit der Tageszeitung in der Hand für die Menschen beten, die unter Krieg, Hunger, Not und Unterdrückung leiden. Einen Teil von dem, was mir zur Verfügung steht, mit den Hilfsbedürftigen teilen – hier oder in der sog. 3. Welt. Eine großherzige Spende einer wohltätigen Organisation zukommen lassen und nicht zu vorschnell Ausflüchte suchen wie: Das Geld kommt ja eh nicht an, wo es gebraucht wird!“

U wie Umkehr:
Umkehr ist das zentrale und unverzichtbare Thema der Verkündigung Jesu. Umkehr meint die Bereitschaft zu einer Revision meines Lebenskonzeptes. Nur die ehrliche Einsicht in das, was verkehrt läuft in meinem Leben, eröffnet mir die Aussicht, neue Wege beschreiten zu können. Vielleicht ist es hilfreich in dieser Zeit, das Gespräch mit einem guten Freund oder einem Seelsorger zu suchen. In der Beichte wird uns die Umkehr und der Neubeginn von Gott ausdrücklich geschenkt und zugesprochen.

V wie Verzicht:
Verzicht nimmt nicht, Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen, meint der Philosoph Martin Heidegger. Wir müssen nicht immer aus dem Vollen schöpfen. Wenn wir uns mit dem Wenigen begnügen, werden wir neu auf den Geschmack kommen, was das Leben wirklich ausmacht.

W wie Wandlung:
Das wichtigste in der Messe ist die Wandlung. Das wichtigste am Christsein ist die Wandlung. Gottesdienst und Lebenspraxis gehören untrennbar zusammen. Wie Gott Brot und Wein wandelt, so will er auch mich wandeln. Lasse ich das zu? Oder will ich lieber so bleiben wie ich bin?

X wie xenophil, was soviel heißt wie fremdenfreundlich oder gastfreundlich:
In der Fastenzeit sich bewusst Zeit nehmen und Freude einladen. Das Unbehagen gegenüber Fremden überwinden und aus echtem Interesse Zeit investieren für Menschen, die mir bisher fremd waren, um sie besser kennen zu lernen.

Y wie Y-Achse,
in der Mathematik eine der beiden Achsen in einem rechtwinkligen Koordinatensystem, eine zeigt nach oben, die andere markiert die Waagerechte. Ein Bild für unseren Glauben. Es braucht die Beziehung nach oben, aber ebenso den Kontakt untereinander. Gottes- und Nächstenliebe gehören zusammen. Gerade dieses Bild von den beiden Achsen will uns vor einer rein egoistischen Einstellung beim Fasten bewahren. Fasten ist nicht nur etwas, was Gott und mich betrifft. Unser Fasten muss Auswirkungen auf unser Zusammenleben haben.

Z wie Zeit-Haben:
Fasten ist eine Art Einübung ins richtige Timing, in den richtigen Umgang mit der Zeit. Wie verbringe ich eigentlich meine Zeit? Nutze ich sie? Vergeude ich sie? Verschenke ich Zeit? Manchmal wünsche ich mir mehr Zeit. Aber wäre das die Lösung? Ich will mich bemühen, die mir geschenkte Zeit mit mehr Gelassenheit und Sorgfalt zu leben. Einmal pro Woche schenke ich einem Menschen über das gewohnte Maß hinaus Zeit.