27.01.2008 – Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus
3. Sonntag Lesejahr A Lesung: Jesaja 8, 23b – 9,3 und 1 Korinther 10, - 13. 17
Evangelium: Matthäus 4,12 23 Predigt von Pfr. Anton Frank
Im Lesejahr A, aus dem im Moment die liturgischen Texte bis zum Ende des Kirchenjahrs genommen werden, hören wir bevorzugt Texte aus dem
Matthäusevangelium. So ist es gut, die Gestalt des Evangelisten Matthäus ein wenig in den Blick zu nehmen.
Wer der Autor des Matthäusevangeliums ist, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Die meisten Exegeten nehmen an, dass es ein gebildeter
Judenchrist der zweiten Generation war. Als Judenchrist ist er zugleich offen für die Heiden, denen das Evangelium in gleicher Weise gilt.
Vermutlich hat der Verfasser, der als Matthäus bezeichnet wird, das Evangelium zwischen 8o und 90 n. Chr. in Antiochien geschrieben, einer
Stadt, in der die Christen gemeinsam mit Juden, Griechen und anderen Volksgruppen zusammen lebten.
In keinem anderen Evangelium finden wir eine so starke Auseinandersetzung mit dem jüdischen Gesetz wie bei Matthäus. Jesus ist der, der
das Gesetz authentisch auslegt. Doch zugleich finden wir in keinem Evangelium eine solch scharfe Kritik an den Pharisäern und
Schriftgelehrten. Das hatte oft unheilvolle Auswirkungen. Manche polemischen Stellen wurden dazu missbraucht, einen christlichen
Antisemitismus zu entwickeln, der jedoch dem Matthäusevangelium nicht entspricht, denn dem Evangelium ist es ein großes Anliegen, die
Kontinuität zum Judentum zu wahren. In Jesus hat sich die Verheißung erfüllt, die Israel gegeben wurde. Daher hat kein Evangelist so viele
Stellen des Ersten Testaments zitiert wie Matthäus. Es ist ihm ein Anliegen, diesen Jesus Christus als die Erfüllung der Verheißungen des
Ersten Testaments zu verstehen. Matthäus leitet seine Schriftzitate gerne mit den Worten ein: »Denn es sollte sich erfüllen, was durch den
Propheten Jesaja gesagt worden ist.« (4,14) In diesen sogenannten Erfüllungszitaten wird die Theologie des Evangelisten und sein Verständnis
von Jesus sichtbar: In Jesus leuchtet das Licht Gottes auf für die, die im Dunkeln leben. Jesus verwirklicht das Bild, das Jesaja vom
Gottesknecht gezeichnet hat. Wenn Jesus Kranke heilt, so erfüllt sich darin, was vom Gottesknecht gesagt wird: »Er hat unsere Leiden auf sich
genommen und unsere Krankheiten getragen.« Jesus geht behutsam mit den Menschen um. Er zankt und schreit nicht. Er zerbricht nicht das
geknickte Rohr, sondern richtet es auf. Er öffnet die Augen für die Wirklichkeit der Schöpfung und für das Geheimnis Gottes, das in der
Schöpfung gegenwärtig ist. Er ist der friedfertige König, der gewaltlos die Herrschaft Gottes aufrichtet.
Die manchmal harte Polemik gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten ist aus der geschichtlichen Situation abzuleiten, in der das
Matthäusevangelium entstanden ist: Die von den Römern besiegten Juden versuchten in der Synode von Jamnia, sich neu zu formieren. Auf dieser
Synode wurden die Judenchristen offiziell aus der Synagoge ausgeschlossen. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund ist es verständlich, dass
Matthäus die Kritik an den Pharisäern verschärft. Das darf uns aber nicht dazu verleiten, ein einseitig negatives Bild von diesen jüdischen
Gruppen zu zeichnen. Für Matthäus stehen die Pharisäer und Schriftgelehrten auch als Bild für die Gefahr, dass sich in der christlichen
Gemeinde ähnliche Gruppen von Lehrern entwickeln, die sich über das Gesetz stellen und den Menschen nicht mehr die Botschaft Jesu, sondern
ihre eigenen Lehren vermitteln.
Matthäus schreibt das Evangelium für seine Gemeinde, die schon im Glauben unterrichtet ist. Er will mit seinem Evangelium den Glauben
seiner Gemeinde stärken. Wie die Jünger sind auch die Christen gefährdet, Jesus zu verraten, ihn nicht zu verstehen, ihn falsch zu sehen oder
in ihr eigenes Bild hineinzupressen.
Wenn wir von hier aus die Linien der Geschichte bis in unsere Zeit ziehen, bis zu dem Punkt, wo wir heute am 27. Januar den Gedenktag für
die Opfer des Nationalsozialismus begehen, macht es uns irgendwie schaudern. Der Nationalsozialismus hat sich nämlich mancher antijüdischer
Affekte in der christlichen Geschichte zunutze gemacht, um seine verbrecherische, menschenverachtende Politik der Rassenideologie zu
betreiben und Menschen, die nicht dem arischen Ideal entsprechen, das Existenzrecht abzusprechen.
1996 hat Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus erklärt. Symbolhaft für
den Terror des Rassenwahns und Völkermordes an Millionen Menschen, die durch das nationalsozialistische Regime entrechtet, verfolgt, gequält
oder ermordet wurden, steht das Konzentrationslager Auschwitz, das an eben diesem Datum des 27. Januars im Jahr 1945 befreit wurde.
Die Erinnerung an das millionenfache Leid, das die nationalsozialistische Gewaltherrschaft mit ihrem menschenverachtenden Rassenwahn über
Europa und andere Teile der Welt gebracht hat, verlangt, jeder Wiederholungsgefahr entgegenzutreten. Zur Generation derer, die die Schrecken
des Nationalsozialismus aus eigenem Erleben kennen, und der Generation der Töchter und Söhne der Opfer und Täter, treten heute die jüngeren
Generationen, denen das ganze Ausmaß des Grauens, die Mechanismen der Ausgrenzung, die menschenverachtende Brutalität der Täter, die Ignoranz
oder Gleichgültigkeit der Masse und vor allem das unermessliche Leid der Opfer nur noch über historisches, also vermitteltes Wissen
zugänglich ist. "Darf man nicht wissen wollen?" hat Thomas Mann gefragt und nach 1945 mit einem entschiedenen Nein geantwortet. Und
dieses Nein gilt bis heute. Es gibt keine kollektive Schuld des deutschen Volkes, gewiss, aber das heißt nicht, dass die Katastrophe von 1933
bis 1945 im kollektiven Gedächtnis der Deutschen je getilgt werden dürfte. In ihm muss vielmehr unser fester Wille gefestigt sein, nie wieder
eine solche schreckliche Diktatur zuzulassen. Es ist deswegen die Aufgabe der jetzigen wie der künftigen Generationen, Verantwortung dafür zu
übernehmen. Was damals Juden, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle und politische Gegner waren, das können heute andere
Personen und Gruppen sein, die durch Stigmatisierungsprozesse ausgegrenzt werden, z.B. Ausländer.
Schreckliches hat sich 1940 auch ganz in unserer Nähe ereignet. 345 Bewohner des St. Josefshauses in Herten wurden in der Zeit des
Nationalsozialismus Opfer der Euthanasie. Man hat sie unter dem Vorwand der Verlegung mit Bussen geholt, in Wahrheit aber in
Vernichtungslager gebracht, wo sie vergaßt wurden. Dieser Vorgang wurde irgendwie bekannt, obwohl er zur Geheimen Staatssache unter striktem
Redeverbot erhoben wurde. Es gab die zerzweifelten Versuche von Seiten des Direktors und der Mitarbeiter, Bewohner zu verstecken im Wald, am
Rhein, im Keller. Es gab die Versuche, Bewohner als betriebswichtige Mitarbeiter oder bildungsfähige Schüler herauszustellen und so vor dem
Zugriff zu schützen. Es gab auch das hilflose Zusehen, dass die Busse dennoch wahllos gefüllt wurden, weil „die Zahlen stimmen mussten“. Wie
sollen wir heute damit umgehen? Sollen wir es vergessen, und dabei in Kauf nehmen, dass das Verdrängte in neuem Gewand wiederkehrt? Sollen
wir es verschweigen in der Hoffnung, dass die Zeit die Wunden heilt? Aber die Zeit heilt nicht die Wunden, die damals Menschen zugefügt
worden sind. Sollen wir sagen: Was habe ich damit zu tun, ich war doch nicht dabei und ich habe keinen Einfluss gehabt? Nein, wir dürfen das
nicht vergessen und verschweigen. Wir sind es den Opfern und uns selbst schuldig. Wir können uns nur stark machen in dem Willen, zu unserer
Verantwortung heute zu stehen.
Vor der St. Josefskirche in Herten steht ein Gedenkstein, der von Bildhauer Eder geschaffen ist und an das Geschehen von damals erinnern
will. Aus dem teilweise unbehandelten Steinklotz mit den groben Spuren der zum Herausbrechen aus dem Felsgestein angebrachten Bohrungen, sind
an verschiedenen Stellen Fenster in den Stein gehauen, die Einblick gewähren in die Situation von Menschen, die auf engstem Raum
zusammengepfercht sind. Da sind an einer Stelle Finger, die durch eine schmale Lucke verzweifelt nach Licht und Freiheit greifen. An einer
anderen Stelle sind in dem Gedränge menschlicher Gliedmaßen und Körperteile auch zwei Fußspitzen in so typischer Haltung nebeneinander zu
sehen, dass man sich an die Darstellung des Gekreuzigten erinnert fühlen mag, als wollte der Künstler sagen: unter diesen gequälten Menschen
ist auch Jesus. Der Gekreuzigte ist bei ihnen. Er ist auf der Seite der Opfer, nicht der Täter.
Wenn wir heute der Opfer des Nationalsozialismus gedenken, so soll das uns Trost und Ermahnung sein: der gekreuzigte und auferstandene
Herr ist bei ihnen. Aber wir müssen von ihm lernen, die Botschaft der Menschenwürde jedes einzelnen und die Verpflichtung, zur Versöhnung und
Verständigung unter den Menschen beizutragen, ist die Mitte des Evangeliums Jesu Christi und ist Erfüllung des heiligen Willens Gottes und
wir müssen sie uns als bleibende Verpflichtung zu eigen machen. |