Heiliger Abend 2007 in Nollingen und Rheinfelden
Lukasevangelium 2, 1-14 Predigt von Pfr. Anton Frank Liebe Schwestern und Brüder
Wir haben uns zur Feier der Heiligen Nacht versammelt, in der wir der Geburt unseres Erlösers Jesus Christus gedenken. Das Geheimnis
dieser Nacht ist nicht nur rückwirkend aus der Betrachtung des Lebens Jesu angereichert, es ist auch durch die Sehnsucht auf Erlösung und
Heil, die in jedem Menschen irgendwie da ist, vermehrt. Es ist verwoben mit den lebensgeschichtlichen Daten, wie wir diese Nacht seit
Kindertagen erlebt haben. Sie hat so fast märchenhafte Züge angenommen, die wir als sonst realitätsverpflichtete Verstandesmenschen, die sich
keine Gefühlsduselei erlauben können, uns einmal im Jahr anscheinend leisten wollen, um also bald wieder zur harten Wirklichkeit
zurückzukehren. Wir vergessen dabei schnell, dass der harte Kern der Weihnacht die geschichtliche Tatsache der Geburt Jesu ist, und er hat
eine Botschaft für uns, die wir nicht als Märchen und unwirklich abtun sollten.
Die biblischen Geschichten über Jesus aus Nazareth haben versucht, das Unaussprechliche seiner Herkunft, das sonst im Dunkel liegt, in
Worte zu fassen, und den Kern seiner Botschaft schon am Anfang seines irdischen Lebens exemplarisch anzudeuten.
Viele Geschichtenschreiber hat die Geburtsgeschichte aus dem Lukasevangelium inspiriert, sich das Geschehen mit eigener Fantasie und
Intuition vorzustellen. Eine solche Weihnachtsgeschichte unserer Zeit möchte ich mit dem Hirtenlied von Max Bolliger und Bildern von Stepan
Zavrel vorstellen und danach fragen, auf welche Spur vom Kern der Weihnachtsbotschaft sie uns bringt.
Die Geschichte vom Hirtenlied geht so:
- Es war einmal ein alter Hirte, der die Nacht liebte und um den Lauf der Gestirne wusste.
- Auf seinen Stock gestützt, den Blick zu den Sternen erhoben, stand der Hirte auf dem Felde. »ER wird kommen!« sagte er. »Wann wird ER
kommen?« fragte der Enkel, »Bald!«
- Die andern Hirten lachten. »Bald!« höhnten sie. »Das sagst du nun seit Jahren!« Der Alte kümmerte sich nicht um ihren Spott. Nur der
Zweifel, der in den Augen des Enkels aufflackerte, betrübte ihn.
- Wer sollte, wenn er starb, die Weissagungen der Propheten weitertragen? Wenn ER doch bald käme! Sein Herz war voller Erwartung.
- »Wird ER eine goldene Krone tragen?« unterbrach der Enkel seine Gedanken. »Ja!« »Und ein silbernes Schwert?« »Ja!« »Und einen goldenen
Mantel?« »Ja! Ja!« Der Enkel war zufrieden.
- So stellte sich der Junge den großen König vor: in hohem Bogen am Himmel reitend auf einem weißen Pferd, mit Krone und Schwert und
wehendem Mantel, ein dahinsausender Held, dem die Erdenschwere nichts anhaben kann.
- Der Junge saß auf einem Stein und spielte auf seiner Flöte. Der Alte lauschte. Der Junge spielte von Mal zu Mal schöner, reiner. Er übte
am Morgen und am Abend, Tag für Tag. Er wollte bereit sein, wenn der König kam. Keiner spielte so wie er. »Würdest du auch für einen König
ohne Krone, ohne Schwert, ohne Purpurmantel spielen?« fragte der Alte. »Nein!« sagte der Enkel. Wie sollte ein König ohne Krone, ohne
Schwert, ohne Prachtmantel ihn für sein Lied beschenken? Er wollte gerne Gold und Silber! Er wollte gern reich werden, und die andern würden
staunen und ihn beneiden.
- Der alte Hirte war traurig. Ach, warum versprach er dem Enkel, was er selbst nicht glaubte!
Wie würde ER denn kommen? Auf Wolken aus
dem Himmel? Aus der Ewigkeit? Als Kind? Arm oder reich? Bestimmt ohne Krone, ohne Schwert, ohne Purpurmantel und doch mächtiger als alle
andern Könige. Wie sollte er das dem Enkel begreiflich machen?
- Eines Nachts standen die Zeichen am Himmel, nach denen der Großvater Ausschau gehalten hatte. Die Sterne leuchteten heller als sonst.
Über der Stadt Bethlehem stand ein großer Stern. Und dann erschienen die Engel und sagten: »Fürchtet euch nicht! Euch ist heute der Heiland
geboren!«
- Der Junge lief voraus, dem Licht entgegen. Unter dem Fell auf seiner Brust spürte er die Flöte. Er lief so schnell er
konnte.
- Da stand er als erster und starrte auf das Kind. Es lag in Windeln gewickelt in einer Krippe. Ein Mann und eine Frau
betrachteten es froh. Die andern Hirten, die ihn eingeholt hatten, fielen vor dem Kind auf die Knie. Der Großvater betete es an. War das nun
der König, den er ihm versprochen hatte?
- Nein, das musste ein Irrtum sein. Nie würde er hier sein Lied spielen. Er drehte sich um, enttäuscht, von Trotz erfüllt. Er trat in die
Nacht hinaus. Er sah weder den offenen Himmel noch die Engel, die über dem Stall schwebten.
Aber dann hörte er das Kind weinen. Er wollte
es nicht hören. Er hielt sich die Ohren zu, lief weiter. Doch das Weinen verfolgte ihn, ging ihm zu Herzen, zog ihn zurück zur Krippe.
- Da stand er zum zweitenmal. Er sah, wie Maria und Joseph und auch die Hirten erschrocken das weinende Kind zu trösten versuchten.
Vergeblich! Was fehlte ihm nur? Da konnte er nicht anders. Er zog die Flöte aus dem Fell und spielte sein Lied. Das Kind wurde still. Der
letzte leise Schluchzer in seiner Kehle verstummte. Es schaute den Jungen an und lächelte. Da wurde er froh und spürte, wie das Lächeln ihn
reicher machte als Gold und Silber.
Ich denke, was mit dem Hirtenjunge geschehen ist, das wiederholt sich bei jedem Menschen. Wir machen uns Bilder von Glück und Erfüllung,
auch Bilder von Gott. Wir machen uns Hoffnungen, die eher dem unersättlichen Muster des immer mehr, immer größer, immer schneller, immer
weiter entsprechen als unserem Menschsein. Der Junge wurde enttäuscht in seiner Erwartung von äußerem Belohntwerden mit Gold und Silber. Weil
er sich aber ein menschlich fühlendes Herz bewahrt hatte, spielte er für das weinende Kind und wurde beschenkt durch die wunderbare Wirkung:
das Kind hörte auf zu weinen und lächelte ihn an. Das machte ihn reicher als die Belohnung durch Gold und Silber. Es gab ihm das göttliche
Geschenk der Menschlichkeit zurück, das wir leicht gering achten, weil wir ja meinen es sowieso schon zu haben.
Zeichen der Hoffnung ist ein schreiendes Wickelkind. Gott setzt gegen das Prinzip von Macht und Größe die Kraft der Liebe und
Menschlichkeit. Auch wir werden also notgedrungen uns enttäuschen lassen müssen, wenn wir den Reichtum des Lebens irgendwo anders suchen als
dort, wo er wirklich zu finden ist, wenn wir Gott nur zum Erfüllungsgehilfen unserer unersättlichen Wünsche machen wollen und dann erfahren,
dass er uns diese nicht erfüllt.
Mit dem Kind in der Krippe geht Gott einen anderen Weg: den Weg der Liebe und Menschwerdung. Jesus, jenes kleine, hilflose Kind in der
Krippe wird diesen Weg Zeit seines Lebens ausgestalten. Er wird das leben, was Gott uns zu Weihnachten verkünden lässt. Jesus lebt uns vor,
wie Gott ist. Wo Gott Mensch wird und uns vorlebt, was Menschsein bedeutet, da müssen auch wir lernen, unser Menschsein und die Menschen und
die Welt mit ihren Möglichkeiten und Grenzen anzunehmen.
Jesus ist in Armut geboren. Maria und Josef mit dem Kind fern der Heimat sind gerade noch untergekommen in einem Stall. Der Glanz von
Weihnachten, der in die armselige Hütte von Bethlehem hineinleuchtet, rührt vom späteren Leben und Handeln Jesu her. Jesus hat auch später
Reichtum nicht angestrebt. Er brauchte ihn weder zum Glücklichsein noch, um bei anderen etwas zu gelten.
Jesus glaubte an Gott, der Niedrige erhöht. Er wusste sich in Gottes Augen geliebt und wertvoll. Auch bei anderen Armen wusste er um die
königliche Würde dieser Menschen. Und weil er die Geringsten wie Könige behandelt hat, änderten sie sich und wurden selbst königliche
Menschen. Jesus hat auf Versöhnung gesetzt. Obwohl er viele Enttäuschungen erlebte, blieb er seinem Glauben und seiner Hoffnung treu. Sie
trugen ihn durch den Tod zum neuen Leben. Deshalb fällt auch auf seine armselige Geburt im Stall schon dieser wunderbare Glanz. Es ist der
Glanz von Ostern, in dem wir erkennen, wer Jesus war: Gottes eigener Sohn für uns zum Heil gekommen. Gerade weil das Weihnachtsfest so
schnell kitschig und unecht und vom Kommerz überwuchert wird, gilt es für uns Christen, dem Weihnachtsgeheimnis auf die Spur zu bleiben.
Unser größtes Geschenk ist heute, dass wir von Jesus her neu erfassen, was es heißt, Mensch zu sein und mit anderen Menschen zu leben, Leben
zu teilen und sein Glück nicht mit dem Rücken zu den Geschundenen dieser Welt zu bauen, sondern solidarisch ihnen zugewandt zu sein. Der
enttäuschte Hirtenjunge hat denn schnell gemerkt, dass er sich von dem weinenden Wickelkind nicht abwenden kann, ohne dabei selbst zu Schaden
zu kommen. Was wir daher in dieser heiligen Nacht wieder neu erfahren dürfen, ist das liebevolle Angeschautwerden von Gott, dem unsere
Erdenwirklichkeit nicht zu gering ist, dass er nicht selbst ein Mensch dieser Erde wird, und das Entdecken des göttlichen Ursprungs im
Gesicht eines jeden Menschen. Gott wird in Jesus Christus Mensch und schenkt uns sein Lächeln und seine Liebe. Lassen wir uns von ihm in der
Seele berühren und schenken wir diese Liebe weiter an unsere Mitmenschen. Seine Liebe weiterzuschenken, ist das eigentliche
Weihnachtsgeschenk, das wir am Heiligen Abend empfangen. Das ist die eigentlich froh machende Botschaft, die uns in dieser Heiligen Nacht
geschenkt werden möge und unser Handeln präge. |