Patrozinium des heilige Gallus in Warmbach am 21. 10. 2007

Lesung: Genesis 12, 1-4
Evangelium : Matthäus 19, 27-29
Predigt von Pfr. Anton Frank

Nicht geradlinig und ohne Brüche war das Leben des heiligen Gallus, obwohl es voll Kraft war. Er hat Entwicklungen mitgemacht, es gab Spannungen mit dem Anführer Kolumban. Es gab gesundheitliche Grenzen. Es gab eine neue Berufung, die sein Leben prägte. So drängt es mich, ihn heute einmal zu fragen: Was sagt dein Leben und dein Wirken für uns heute?

Ich stelle mir vor, Gallus würde uns zuerst sagen: Ich war unterwegs und auch ihr seid unterwegs. Der junge Gallus trat zuerst in das Kloster Bangor ein in der Nähe vom heutigen Belfast in Nordirland. Hier lebte er ein äußerst strenges Klosterleben. Er lebte eingewurzelt in seine Heimat. Zusammen mit Kolumban und weiteren Gefährten machte er sich aber dann auf den Weg und verließ seine Heimat Irland. Er folgte der Berufung: Als Christ bist du unterwegs. Du bist nirgendwo auf Erden ganz und für immer zu Hause. Deshalb brachen sie auf, um zu erfahren, was es heißt, unterwegs zu sein. Sie zogen als Pilger nach Frankreich und ins Alemannenland. Das Vorbild von Kolumban und Gallus war Abraham. Wir haben von ihm in der Lesung gehört. Gott rief Abraham auszuwandern aus der Heimat und aus der Verwandtschaft in das Land, das er ihm zeigen werde. Er sollte so ein neues Volk Gottes bilden. Abraham wusste nicht, wohin sein Weg ginge. Er vertraute darauf, dass Gott ihn führte in eine Zukunft hinein, die ihm nicht bekannt war.

An die Berufung Abrahams werden wir auch erinnert, wenn wir daran denken, wie wir heute in der Kirche, in den Gemeinden, in unserer Seelsorgeeinheit suchen nach einem tragfähigen Weg in die Zukunft. Die pastoralen Leitlinien in unserer Diözese, die in einem großangelegten Prozess der Meinungsfindung und schließlichen Festlegung die Gangart unseres pastoralen Handelns die nächsten Jahre prägen sollen, sind wichtige Markierungen, an denen wir uns zu orientieren haben. Es ist gut, dass wir auch in der Gemeinde einmal von diesem großen Entwurf hören, mit dem wir uns im Pfarrgemeinderat immer wieder beschäftigen. Die Pastoralen Leitlinien wollen uns ermutigen, die Zukunft in den Blick zu nehmen und notwendige Veränderungsprozesse mitzugestalten.

Sie begreifen die gesellschaftliche Situation als eine Herausforderung für die Kirche, der wir uns stellen müssen, um eine Antwort aus dem Glauben auf die Fragen der Zeit zu geben. Maßstab hierfür ist das Evangelium vom Reich Gottes. Die Verheißung des Reiches Gottes weist auf drei zentrale Dimensionen unseres Glaubens hin:

  1. Der christliche Glaube baut auf der persönlichen Berufung des Einzelnen auf.
  2. Er führt in die Gemeinschaft der Glaubenden hinein.
  3. Er ermutigt, anderen von der Kraft des Evangeliums Zeugnis zu geben.

Das sind die 3 Stichworte: Berufung, Sammlung, Sendung, die es bei der Gestaltung des Gemeindelebens zu berücksichtigen gilt:

  • dass jeder Mensch seine persönliche Berufung entdecken und vertiefen kann,
  • dass Menschen, die sich von Gott berühren lassen, sich in der Kirche als Gemeinschaft des Glaubens und des Lebens beheimatet fühlen,
  • und dass die Sendung durch Jesus Christus, das Evangelium zu verkünden, erfüllt wird.

Daraus ergeben sich mehrere Prinzipien für unser pastorales Handeln:

  • Wir gestalten die Entwicklung, indem wir uns Ziele setzen, die verfügbaren Kräfte und Mittel nutzen und uns den gesellschaftlichen Herausforderungen stellen.
  • Wir stärken unsere Zusammenarbeit, indem wir uns als Netzwerk verstehen und partnerschaftlich und arbeitsteilig zusammenarbeiten.
  • Wir weiten unseren Horizont im Blick auf die weltweite katholische Kirche sowie die anderen christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Wir richten unsere Arbeit missionarisch aus und bekräftigen unsere Solidarität mit den Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen.

Die Pastoralen Leitlinien umzusetzen bedeutet, alle Aufgaben in der Gemeinde in den Blick zu nehmen und sie neu zu ordnen nach den Kategorien Auftrag, Abschied Aufbruch:

  • Auftrag meint: wir haben Aufgaben, die unaufgebbar fortgeführt werden müssen, weil sie zum Wesen der Kirche gehören.
  • Abschied meint: es gibt Aufgaben, die künftig nicht mehr in der bisher gewohnten Weise wahrgenommen werden können und darum ganz oder teilweise wegfallen müssen.
  • Aufbruch meint: es gibt Aufgaben, die so wichtig und aktuell sind, dass sie als Schwerpunkte intensiviert oder neu angegangen werden.

Wir stellen natürlich fest: die Kirche war immer unterwegs. Durch viele Jahrhunderte war der Weg vielleicht gradliniger, heute pilgern wir dem Anschein nach in kurvenreichem Gelände, in dem wir nicht so leicht überblicken, wohin es geht. Gott hat zu Abraham gesagt, er soll in das Land gehen, das er ihm zeigen werde. Gott hat dem Heiligen Gallus den Weg aus Nordirland in unsere Gegend gezeigt, obwohl er sicher keine Ahnung vom Alemannenland hatte. Gott begleitet auch uns heute. Er traut es uns zu, durch schwierige Passagen unserer Zeit zu gehen.

Wir feiern heute den Heiligen Gallus, weil er unserer Kirche und Kirchengemeinde nicht nur den Namen gegeben hat, sondern auch ein Bild des Unterwegsseins und der persönlichen Entwicklung.

Zuerst war der Pilger Gallus ein eifernder Missionar. Er zerstörte Götzenbilder und wollte damit beweisen, dass die Macht Gottes durch Jesus Christus größer ist als die Macht aller Götzen. Er konnte so die Menschen zum Staunen bringen und manche von ihnen bekehren. Aber er hat damit auch viele vor den Kopf gestoßen. Er hat schließlich gespürt, dass Gott ihn einen anderen Weg führen wollte. Eine Krankheit hinderte ihn, mit Kolumban und seinen Gefährten weiter zu pilgern. Er sah als neue Berufung für sich, als Einsiedler im Steinachtal, dem heutigen St. Gallen, zu bleiben und zunächst einmal sich selbst zu missionieren. Er ist auch, als er wieder gesund war, seinen Gefährten nicht nachgereist. Seine Berufung war es vielmehr, dort ein geistliches Zuhause zu bauen. Klause und späteres Kloster in St. Gallen wurden schließlich zum geistlichen Zentrum. Es hatte seine Ausstrahlung und wies den Menschen den Weg des Glaubens in einem Umfang, der bis in unsere Gegend reichte.

Es ist, als ob Gallus sagen wollte: Was sich in Jahrhunderten verfestigt hat, hat, wie ihr seht, einen Teil seiner Kraft verloren. Jetzt erinnert euch daran, dass sich der Glaube aus dem Gebet und der Stille und der Begegnung mit Gott heraus entwickelt. Darum werden auch in Zukunft geistliche Zentren eine wichtige Rolle spielen. Das Milieu und die kirchlichen Strukturen, welche durch lange Zeit fast alle Menschen in unserer Region erfasst haben, sind heute weitgehend verschwunden. In Zukunft wird es notwendig sein, dass unsere Pfarreien und Seelsorgeeinheiten durch das Zeugnis eines tragenden Kreises von Menschen, die sich von der frohen Botschaft erfassen lassen, ausstrahlen in die Gesellschaft hinein. Menschen müssen neu erfahren können, wie gut es ist, zu glauben an die Sammlungsbewegung der Frohen Botschaft Jesu Christi. Wir müssen versuchen, die Lebensqualität des Evangeliums zu leben, damit Menschen sich eingeladen wissen und Interesse bekommen, mehr von der Kirche zu erhalten als Taufe und Beerdigung, also nur punktuelle Berührung und Verschönerung ihrer biographischen Ereignisse.

Kolumban und Gallus waren angewiesen auf das Wohlwollen der weltlichen Obrigkeit. Manche Orte mussten sie verlassen, weil die zuständigen Könige und Herzoge sie nicht wollten. In Burgund und Bregenz standen sie Einwohnern gegenüber, die vorerst nichts von der neuen Religion wissen wollten. Als Kolumban nach dem Misserfolg seiner Tätigkeit in die Lombardei aufbrechen wollte, konnte und wollte wohl auch Gallus nicht folgen. Kolumban legte seinem Schüler dies mit der ihm eigenen Härte als Schwäche aus. Er verbot Gallus, hinfort die heilige Messe zu feiern, ein Verbot, das Kolumban erst wieder aufhob, als er selbst zum Sterben kam. Gallus beschloss 612, nachdem er wieder bei Kräften war, der Steinach vom Bodensee aus zu folgen bis an ihre Quelle. Mit seinem Schüler Hiltibold wanderte er bis zur Mühleggschlucht, wo ein Wasserfall sie am Weitergehen hinderte. Dort ließ er sich nieder und baute sich und seinem Gefährten eine Klause. Der Alemannenherzog Gunzo, der nach dem Sieg von 610 über die Burgunder im oberen Rheintal stark geworden war, hätte Gallus gerne dafür gewonnen, dass er erster Bischof das neue Bistum Konstanz leite. Doch Gallus lehnte ab. Er blieb in seiner frisch gegründeten Klause, übernahm allerdings die Aufgabe, von dort aus als Lehrer zu wirken. So bildete er Johannes, den ersten Bischof von Konstanz, theologisch aus. Auf diese Weise wollte er für den kulturellen Wandel bei den Alemannen wirken. Seine Einschätzung war wohl richtig: Als Bischof in der Stadt Konstanz hätte er als nicht Einheimischer Mühe gehabt, die Menschen zu überzeugen. Deshalb blieb er lieber Eremit und Lehrer für die neue Führungsschicht im alemannisch-fränkischen Gebiet.

Seine Suche nach dem richtigen Ort seines Wirkens könnte vielleicht auch uns zu der Frage führen, wo ist unser Platz, wo wir für das Evangelium wirken können. Als glaubende Menschen haben wir vielleicht auch manchmal das Gefühl, unserer Gesellschaft kann die alten Formen der Kirche nicht mehr verstehen. Vieles ist anders geworden. Die Menschen suchen aber auch heute noch Tiefe und Verlässlichkeit, worauf sie bauen können. Wir müssen Wege finden, unseren Glauben so zu leben, dass er für unsere Mitmenschen verständlich und anziehend wird. Vertrauen wir darauf, dass Gott mit uns den Weg in die Zukunft geht. „Die Botschaft Jesu ist ja zum Glück schon da und gilt für alle Zeiten“, würde uns wohl Gallus sagen, „Sie gilt sowohl vor 1400 Jahren als auch heute. Aber ihr müsst auch den Platz suchen und einnehmen, der für euch stimmig ist. Ihr könnt euch nicht nach dem richten, was andere lautstark verkünden. Ihr könnt euch nicht darauf verlassen, dass die überkommenen Formen dem gerecht werden, was in neuer Situation notwendig ist. Gönnt euch die Zeit zu suchen nach den Wurzeln eures Glaubens. Schaut auf eure Berufung, lernt von einander, und dann tut, wozu euch das Herz drängt.“ 

Diese Rede und Ermutigung des Heiligen Gallus lese ich aus seinem Leben ab, und ich bin überzeugt, das Bild des Unterwegsseins und der inneren Entwicklungen, das dabei sichtbar wird, wird der Wirklichkeit des Heiligen Gallus und unserer Wirklichkeit mehr gerecht als die Erwartung frommer Enthebung und überzeitlicher Festlegung. Und vielleicht entlastet und ermutigt es uns gleichzeitig unseren Weg heute zu suchen und zu gehen.