3. So C Evangelist Lukas – Lukasevangelium 1,1-4;4,14-21
Predigt von A. Frank am 21.1.2007

Ich finde es reizvoll, sich in Personen hineinzudenken, von denen die Bibel berichtet, und in die Schriftsteller, denen wir die Texte des Neuen Testamentes verdanken. So werden die Worte der Bibel für mich lebendig. Der heutige Evangelientext legt es nahe, sich in den Schreiber Lukas hineinzuversetzen und in den von ihm angeredeten Theophilus, was soviel heißt wie: Gottlieb. Da wir in diesem Jahr an den Sonntagen immer wieder Stellen aus dem Lukas-Evangelium hören, ist es gut, das Besondere dieses Evangeliums in den Blick zu nehmen; zu wissen, was es von den anderen Evangelien unterscheidet; warum Lukas - obwohl schon andere Berichte vorlagen - noch einmal das Leben Jesu nacherzählt hat.

Lukas gilt als »Maler« unter den Evangelisten, weil er sehr anschaulich darstellt. Die eindrucksvoll gestalteten »Textbilder« der Geburt Jesu, der Engel über Betlehems Fluren, des leibhaften Erscheinens der Geist Taube bei der Taufe, des stärkenden Engels in Getsemani, der Himmelfahrt Jesu und der Geistsendung am Pfingsttag in Jerusalem verdanken wir ausschließlich Lukas. Auch so wunderbare Gleichnisse wie das vom barmherzigen Samariter und vom barmherzigen Vater, dazu eine Reihe von urchristlichen Gebeten und Hymnen wie der Lobgesang der Maria, des Zacharias: und des Simeon finden wir nur bei ihm.

Er gilt auch als der »Sozialist« unter den Evangelisten. Denn er arbeitet die sozialen Konsequenzen der Botschaft Jesu klar heraus. Daß Gott "Hungernde beschenkt und Reiche leer ausgehen" läßt, daß man sich "Freunde mit dem ungerechten Mammon" machen soll, indem man Armen hilft, daß man "sich der Schwachen annehmen soll", daß christliche Gemeinde vom Teilen lebt, lesen wir in dieser Deutlichkeit nur im lukanischen Werk.

Damit hängt eng zusammen, daß man Lukas auch als Befreiungstheologen bezeichnet. Jesus "befreit" Menschen aus dämonischer Versklavung von Krankheit und Besessenheit; er richtet gesellschaftlich Benachteiligte und Gebeugte auf, das wird auch deutlich an seinem unbefangenen Umgang mit Frauen; er weiß sich gesandt, "Gefangene" und "Zerbrochene in Freiheit zu setzen"; er "nimmt die Sünder auf', hält "Mahl mit ihnen" und läßt sie Gottes Erbarmen erfahren.
Und schließlich gilt Lukas als der Evangelist des »Gebetes« und des »Heiligen Geistes«. Er hebt hervor, daß bei wichtigen Geschehnissen, wie die Wahl der Apostel, Jesus "betete", daß Jesus die Jünger und Jüngerinnen "beten gelehrt" hat und daß zu den Grundhaltungen der Urgemeinde das "Festhalten an den Gebeten" gehörte. Lukas macht deutlich, daß Jesu gesamtes Leben und Wirken von Gottes "Heiligem Geist" geleitet ist und daß sich diesem lebenschaffenden Geist auch das Leben der christlichen Gemeinde und ihr Zeugnis inmitten der Welt verdankt.

In den einführenden Worten zu seinem Evangelium nennt Lukas einen gewissen Theophilus, für den er schreibt, und mit aller Sorgfalt zusammenträgt, was von den Augenzeugen der Geschehnisse um Jesus Christus herkommt. Theophilus – ein Name, der an das Wort Philosophus erinnert und so etwas wie einen Wesenszug beschreibt: der Philosoph ist der Weisheitsliebende, der Theophilus ist der Gottliebende – er soll sich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der er unterwiesen worden ist.

Lukas war bestimmt neugierig, ob Theophilus durch sein Evangelium tatsächlich die Zuverlässigkeit des christlichen Glaubens erkennen konnte. Deshalb könnte er - so male ich mir das aus - noch einmal an seinen Freund geschrieben haben, vielleicht mit folgenden Worten:
Lieber Theophilus, vor ein paar Wochen habe ich dir durch einen Boten meine Evangeliumsschrift überbringen lassen. Darin wollte ich dir sammeln, was wir aus zuverlässiger Quelle von Jesus aus Nazaret wissen können. Und ich habe versucht, so zu schreiben, dass du als Nichtjude, der die jüdischen Sitten und Bräuche nicht kennt, Antwort auf deine Fragen erhältst und die Botschaft Jesu verstehen kannst. Jetzt würde es mich natürlich brennend interessieren, ob dir meine Aufzeichnungen geholfen haben, das Bild von Jesus für dich liebenswert und nachfolgenswert zu machen. Gib mir doch bitte Nachricht.

Theophilus hätte darauf etwa so antworten können:
Verehrter Lukas, ich habe mit einer Antwort lange gezögert, weil ich es einfach immer wieder lesen musste und weil ich dabei jedes Mal etwas Neues und Überraschendes entdeckt habe. Es wird dich interessieren, dass mir inzwischen die Aufzeichnungen eines gewissen Matthäus in die Hände gefallen sind, die du vielleicht noch gar nicht kennst. Auch das Evangelium des Markus, von dem du ja vieles übernommen hast, habe ich aufmerksam gelesen. Was mir an deinem Evangelium besonders gefallen hat, möchte ich dir mitteilen:

Bei dir spürt man deutlich, dass Jesus ein Mann der Tat war. Matthäus, der sein Evangelium für Judenchristen geschrieben hat, zeichnet Jesus eher als den großen Lehrer in der Geschichte Israels. Du aber stellst in den Vordergrund, dass Jesus etwas tut um uns zu retten.
Ich vernehme darin deinen Wunsch, dass sich auch mein Glaube nicht in schönen Worten erschöpfen soll.

Besonders ist mir aufgefallen, dass auch Markus und Matthäus von den heilenden Taten Jesu berichten, aber sie tun das nicht so einfühlsam und sensibel wie du, Lukas. Du beschreibst so mitfühlend die Krankheiten und Leiden der Menschen, dass meine Freunde schon vermutet haben, du wärest ein Arzt. Du erzählst so menschlich von der Freude, vom Dank der Geheilten, dass man sich gut in ihre Situation hineinversetzen kann.
Typisch Lukas, denke ich mir immer, wenn ich entdecke, wie viel Wert du darauf legst, dass das anbrechende Heil auch tatsächlich zu spüren und zu fühlen ist.
Auffallend ist für mich auch, dass Jesus bei dir besonders deutlich als Heiland der sündigen Menschen, der Armen und Ausgestoßenen gezeichnet wird. "Hab keine Angst, umzukehren", sagt mir deine Geschichte vom verlorenen Sohn. "Ich traue dir viel Gutes zu ", sagt mir deine Erzählung vom wunderbaren Fischfang, wo Petrus seinen schwachen Glauben erkennt und doch von Jesus zum Menschenfischer berufen wird.

Typisch Lukas, sage ich, wenn ich bei dir Geschichten entdecke, die mich spüren lassen, dass ich trotz meiner Fehler von Gott angenommen bin und dass er mir was zutraut.
Tröstlich finde ich, dass Glaube für dich nicht etwas Fertiges bedeutet, sondern ein Suchen und Ringen um den richtigen Weg ist.
Typisch Lukas, denke ich mir, wenn ich sehe, wie viel in deinem Evangelium auf dem Weg geschieht. In der Geschichte der Emmausjünger finde ich meinen persönlichen Glaubensweg wieder: auch ich war ratlos und niedergeschlagen, voll Zweifel, was ich tun soll, und dann hörte ich gespannt von der neuen Lebensweise, die auf Jesus Christus zurückgeht und bin heute froh und glücklich, ihm in den Worten deines Evangeliums so nahe zu kommen und mein Leben von ihm bestimmen zu lassen.

Verehrter Lukas, ich glaube, ich kann mein Leben lang in deinem Evangelium lesen und finde wahrscheinlich immer wieder neue Impulse für mein Leben. Ich werde dir auch von Zeit zu Zeit darüber berichten, welche Geschichten Jesu mich gerade beschäftigen.
Ich danke dir jedenfalls ganz herzlich für das Geschenk deiner Schrift und grüße dich herzlich - dein Theophilus.
So oder ähnlich könnte dieser Gott suchende, Gott liebende Hörer und Leser des Evangeliums geantwortet haben.

Wie wäre es aber, wenn wir am Ende dieses Lukas-Jahres ebenfalls einen solchen Brief schreiben würden - oder wenn wir einander erzählen würden, welche Geschichten und Gleichnisse des Lukas uns getroffen und zu denken gegeben haben? Dann hätte Lukas mit seinem Evangelium erreicht, was er wollte:
dass die Frohe Botschaft von Jesus Christus im Gespräch bleibt und dass sie den Menschen Orientierung, Trost und Freude schenkt