Predigt zum Patrozinium (19. Oktober 2008)
St. Gallus, Rheinfelden-Warmbach
Predigt von Vikar Jens Maierhof

Lesungstexte:
Jes 45,1.4-6 (Ich bin der Herr und sonst niemand.)
Lk 18,1-8 (Wird der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden?)

Liebe Schwestern und Brüder der St. Gallus Gemeinde,
liebe Gäste!

Es gibt meines Wissens nur ganz wenige Evangelien, die mit einer Frage enden. Und es gibt auch kaum eine biblische Textstelle, die in so wenigen Worten, die unsichere Stimmungslage unserer Zeit aufgreift:
Wird der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden? (Lk 18,8) Oder auf unsere Situation zugespitzt formuliert: Haben Glaube und Kirche überhaupt noch eine Zukunft?
Wir erleben in unseren Tagen, dass sich immer mehr Menschen damit schwer tun, zu glauben. Das Leben ohne Gott scheint vielen Zeitgenossen realistischer, logischer, einfacher. Viele von uns kennen das schwierige Unterfangen, in der Familie den Glauben an die nächste Generation weiter zu geben. Und die Kirche als sinnstiftende Gemeinschaft hat bei vielen längst ausgedient; zum Glauben brauche ich nicht die Kirche, so denken viele!
Ich will jetzt nicht ins Lamentieren verfallen. Denn das Schreckgespenst einer jeden Firma ist schließlich der Mitarbeiter, der sein eigenes Produkt schlecht redet. Und zum anderen ist das Lamentieren heute am Patroziniumsfest wirklich fehl am Platz.
Aber die Frage nach der Zukunft des Glaubens lässt mich nicht los.

Wenn wir heute den Patron unserer Gemeinde und Kirche feiern, den Heiligen Gallus, dann schauen wir ganz bewusst in die Vergangenheit. Wir tun dies aber nicht mit einem verklärten Blick, nach dem Motto: Früher war eh alles besser! Wir wollen auch nicht in Vergangenem schwelgen. Aber der Blick auf den Ursprung kann vielleicht helfen, sich der Gegenwart und Zukunft neu zu stellen.

Gallus wird Mitte des 6. Jahrhunderts geboren, in einer sehr umtriebigen Zeit. Völker suchen ihren Ort, ihren Platz und sind gemeinsam auf der Suche. Die neue Religion, das Christentum fasst so langsam Fuß, bestimmend sind jedoch noch immer die Naturreligionen, wenn man es mal so ganz vereinfachend bezeichnen kann.
Gallus wächst vermutlich in Irland auf, seine frommen Eltern schickten ihn zur Ausbildung in ein Kloster und er wird schließlich Priester. Mit Kolumban und 11 weiteren Gefährten bricht er aus seiner vertrauten Umgebung auf ins Ungewisse.
Er weiß nicht, was ihn auf der anderen Seite des Meeres erwartet. Dieses Schritt wagen Gallus uns seine Gefährten ganz bewusst. In der Fremde leben für Christus, das ist zunächst das Ziel dieser Mönche. Die Missionierung ist erst ein zweiter Schritt.
Hier im Dreiländereck begegnet Gallus einer ihm fremden Kultur und eigenartigen religiösen Praktiken. Zunächst geht er kämpferisch und gewaltsam gegen die fremden Kulte und Götzen vor, aber sein Engagement scheitert. Er schlägt einen anderen Weg ein – äußerlich wie innerlich. Er zieht – nachdem er sich von Kolumban getrennt hatte – in den Bodenseeraum. Dort zieht er sich zurück in einer Einsiedelei, er fastet und betet. Diese Innerlichkeit hat Wirkung nach außen, die Menschen werden auf ihn aufmerksam, neugierig, seine Lebensweise fasziniert.

Zudem – so wird überliefert – war Gallus der erste Missionar, der sich mit den Volkssprachen befasste und nicht nur in Latein predigte. Nach und nach sammelte er eine Schar von Jüngern um sich: Gebet und Bibelstudium prägten den Alltag dieser Gemeinschaft. Gallus blieb seiner Gemeinschaft treu, obwohl einige hohe kirchlichen Ämter an ihn heran getragen wurden. 640 stirbt er in Arbon in der Schweiz.

Drei Punkte in der zugegeben etwas gekürzten Vita des Gallus sind mir besonders wichtig – auch hinsichtlich der Frage:
Wie kann der Glaube an Jesus Christus eine Zukunft haben:

Ein erster Gedanke:
Zunächst geht Gallus sehr offensiv, ja gewaltsam gegen das Neue und Fremde vor, das ihm hier begegnet: die neue Religion, die so ganz andere Kultur auf dem Festland befremden ihn und er will sie ausrotten und seinen Glauben, der ihm wichtig geworden ist, aufrichten. Damit scheitert er.
Und auch wir als Kirche werden scheitern, wenn wir meinen und dies auch nach außen bekunden, die Welt ist schlecht und nur wir sind auf dem richtigen Weg. Wir dürfen uns als Kirche nicht in eine fromme und besserwisserische Nische zurück ziehen oder selbstgefällig und selbstgenügsam uns nach außen abschotten. Wir müssen uns davor hüten, alles schlecht zu reden, was in der Welt geschieht. Im Dialog mit der Welt, in der konkreten Gesellschaft gilt es, unsere Position klar machen, unseren Standpunkt kundtun, das was uns aus dem Glauben heraus wichtig ist. Gott hat uns in diese konkrete Welt gestellt. Und hier gilt es, Zeugnis zu geben, als einzelne und auch als Gemeinschaft.

Ein zweiter Gedanke:
Gallus ändert nach seinem Scheitern seine Strategie. Er geht einen anderen Weg als zuvor, er geht von außen nach innen. Er betet, er fastet, er lebt schlicht und ursprünglich, er findet zurück zu seinen Wurzeln, er findet zurück zur Mitte. Aber er flieht nicht in eine fromme Innerlichkeit. Er bleibt offen für die Menschen um ihn herum. Das erkennen wir daran, dass andere auf ihn aufmerksam werden, auf seine Lebensweise.

Wir als Christen werden scheitern, wenn wir uns nicht immer wieder vergewissern und rückbinden an unseren Gott. Denn nur wer selber von einer Sache ergriffen und überzeugt ist, kann andere begeistern. Es braucht das Gebet, es braucht den sonntäglichen Gottesdienst als eine Art Oase zum Auftanken: zurück zu den Wurzeln, könnten wir auch sagen. Aber dieses geistliche Auftanken ist kein frommer Selbstzweck, Gebet und erfahrene Gemeinschaft setzen uns wieder neu in Bewegung, wirken nach außen, bringen andere ins Fragen und macht neugierig.

Ein dritter Gedanke:
Gallus – so wird überliefert – befasste sich mit den Volkssprachen, lernte sie und predigte in der Landessprache. Ich frage mich manchmal: Sprechen wir in der Kirche noch die Sprache unserer Zeit, die Sprache der Menschen?
Erspüren wir, was die Menschen, die sich mit dem Glauben schwer tun, umtreibt, nach was sie sich sehnen, was sie erhoffen für ihr Leben. Der Glaube hat es deswegen so schwer, weil es eine ganz große Sprachnot gibt. Uns, die wir glauben, fällt es schwer darüber zu reden, anderen vom Glauben zu erzählen. Und diejenigen, die nicht glauben, die suchen artikulieren nicht ausdrücklich ihre Not und Sehnsucht.
Wir als Christen müssen wieder verstärkt „dem Volk aufs Maul schauen“, oder besser gesagt: ins Herz. Wir sind gefordert, zu erspüren, was die Menschen um uns herum bewegt, was sie suchen und ersehnen.

Ein letzter und abschließender Gedanke, mit dem ich wieder den Bogen zum Evangelium spannen möchte:
An dem Gleichnis vom ungerechten Richter wird für mich eines deutlich: Wenn schon der ungerechte Richter auf die arme Witwe hört und ihr hilft, um wie viel mehr wird Gott dann denen helfen, die ihm vertrauen, die ihm auch etwas zutrauen.

Liebe Schwestern und Brüder, wir allein müssen die Kirche Jesu Christi nicht retten. Wir brauchen auch einem scheinbar hilflosen oder untätigen Gott nicht unter die Armen zu greifen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass sich auch noch ein anderer um den Glauben sorgt. Unsere Talente und Fähigkeiten sollten wir allerdings nicht vergeuden, sondern so einsetzen, dass Gott mit unserer Unterstützung wirken kann in dieser Welt, dass Gott mit uns Geschichte schreiben will.

Dann wird der Herr, wenn er wiederkommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden.
Da bin ich mir ganz sicher!