Fest der Seelsorgeeinheit Rheinfelden am 18. Januar 2009

Biblische Leitsätze für die Konzeptionsentwicklung

Von der Steuerungsgruppe wurden folgende biblischen Leitsätze ausgewählt als Grundlage für die kommende Konzeption der Seelsorgeeinheit Rheinfelden:

In der Verkündigung Jesu spielte die Botschaft vom Reich Gottes eine zentrale Rolle. Auf die Frage wann es denn komme verwies er nicht auf das Jenseits oder auf große Zeichen, die es ankündigen werden, sondern verblüffte die Zuhörer mit der schlichten aber bestimmten Zusage:

  • „Das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch.“ (Lk 17, 21)

Jesus warnt in der Bergpredigt davor, im Angesicht der täglichen Sorgen und Bedürfnisse das wahre Leben (das Reich Gottes) nicht zu verfehlen. Eindringlich und bilderreich (Blumen auf dem Feld/ Vögel des Himmels) lädt er ein, Gott zu vertrauen, weil er sich kümmert! Darum betont Jesus mehrfach:

  • „Macht euch also keine Sorgen“. (Mt 6, 31)

Zu Beginn seines öffentlichen Wirkens macht Jesus deutlich, in wessen Auftrag er wirkt: Gott selbst ist es, der ihn gesandt hat und dessen Geist sein Handeln prägt. In der Nachfolge Jesu dürfen wir dieses Wort auch auf uns beziehen und es als ermutigende Zusage verstehen:

  • „Der Geist des Herrn ruht auf euch. Er hat euch gesandt“. (nach Lk 4, 18)

In zahlreichen Gleichnissen versucht Jesus das Reich Gottes seinen Zuhörern näher zu bringen. In seinem bekannten Senfkorngleichnis stellt er uns anschaulich vor Augen, dass es nicht auf einen möglichst großen (großartigen) Anfang ankommt. Jeder fruchtbare Beginn, auch wenn er noch so klein, unscheinbar und zaghaft ist, trägt das neue Leben bereits in sich, das ohne unser Zutun zu wachsen beginnt:

  • „Ist das Senfkorn/Samenkorn aber gesät, dann geht es auf“. (Mk 4, 32)

Jesus mahnt, die täglichen Sorgen und Nöte nicht zum alles bestimmenden Mittelpunkt unseres Handelns werden zu lassen. Jeder und jede ist eingebunden in den großen Heilsplan Gottes. Darum sollen wir in Gottvertrauen die Sorge um das (eigene) leibliche Wohlergehen ihm überlassen, um fei zu werden für eine größere Aufgabe:

  • „Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen“. (Mt 6, 33)

Als Jesus gefragt wird, welches das wichtigste Gebot ist, das es vorrangig zu befolgen gilt, antwortet er mit dem dreifachen Liebesgebot, das gleichsam alle Gebote mit einschließt und das als Richtschnur für all unser Tun und Handeln gelten soll:

  • „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben“.
    „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 22, 37 + 39)

Evangelium: Johannes, 1,35-42

Predigt: Pfr. Anton Frank

Liebe Schwestern und Brüder
Eine der schönsten Berufungsgeschichten haben wir eben im Evangelium gehört. Johannes der Täufer wendet den Blick seiner Jünger auf Jesus. „Seht das Lamm Gottes“. Die Taufe Jesu wirkt bei ihm noch nach: Dort hatte die Stimme vom Himmel Jesus bezeichnet als geliebten Sohn, an dem Gott Gefallen gefunden hat. So hatte einst der Prophet Jesaja den Knecht Gottes beschrieben, der nicht spektakulär auftritt, sondern bereit ist sich zu beugen und alles bis zum Ende zu tragen. Johannes war mit den Verheißungen Jesajas vertraut. Er zitiert das Wort aus den Gottesknechtsliedern, das Wort von dem Lamm, das zum Schlachten geführt wird. Wenn unser Leben in Ordnung kommen soll, dann braucht es einen, der so ist wie dieser Gottesknecht, ein Mann, der nicht das große Wort führt und nachher ist nichts dahinter, und der nicht Angst verbreitet und unmäßige Forderungen erhebt, sondern jemand, der in die schon erlöschende Glut mit mildem Atem bläst, um sie neu zu beleben, der das geknickte Rohr nicht zum Anlass nimmt, es ganz zu zerbrechen, sondern versucht, es aufzurichten. Nur eine solch geduldige und milde Güte kann jetzt noch helfen. Das sieht Johannes der Täufer klar und in Jesus erkennt er diesen Größeren, auf den er die Menschen vorbereiten wollte.

Die zwei Jünger folgen der Weisung ihres Meisters. Noch wissen sie nicht, was das alles soll, da spricht Jesus sie unvermittelt an: "Was wollt ihr?" Vielleicht klangen die Worte Jesu sehr freundlich, in der Art: "Was kann ich für euch tun?" Vielleicht war es aber auch verunsichernd. Ihre Reaktion ist ein wenig hilflos: "Rabbi, wo wohnst du?" Wenn man Jesus kennt, eine unerwartete Frage, aber auch eine, in der sich eine tiefe Sehnsucht zeigt. Ist Jesus nicht der, von dem es bei Matthäus und Lukas heißt: Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann. Aber im Johannesevangelium hat das Wohnen eine große Aura. Schon von dem Wort, das Fleisch geworden ist, hat es einige Verse zuvor geheißen: es hat unter uns gewohnt. Und später wird Jesus sein Weggehen damit begründen, dass er im Haus seines Vaters für seine Jünger eine Wohnung bereitet. Und er stellt den Jüngern in Aussicht, wenn sie ihn lieben und sein Wort festhalten, werden Jesus und der Vater zu ihnen kommen und bei ihnen wohnen.

Es ist daher keine Verlegenheitsantwort, sondern bewusst gewählt. Die beiden Jünger wollen sehen: „wo ist Jesus zu Hause“, und er lädt ganz unkompliziert ein: "Kommt und seht!" Jesus hat verstanden, worum es den Jüngern geht. Es wäre ihnen nicht gedient gewesen, hätte Jesus ihnen eine Adresse genannt, um sie dann wieder alleine zu lassen, vielleicht noch mit einem freundlichen "Kommt einfach mal vorbei, wenn ihr Lust habt". Hier und jetzt ist der entscheidende Moment, der Wendepunkt im Leben dieser beiden Jünger. Es kommt darauf an, hier und jetzt zu Jesus in Beziehung zu treten und ihm zu folgen. Ausdrücklich sagt das Evangelium: Es war um die zehnte Stunde. Dieses eigentlich wenig aussagekräftige Detail der Erstbegegnung mit Jesus hat sich den beiden unvergesslich ins Gedächtnis geschrieben.

Wir könnten das nun auf sich beruhen lassen: So war das halt damals, nicht mehr und nicht weniger. Doch das Evangelium will von uns mehr als nur unsere historische Neugier befriedigen. Das „Kommt und seht!“ spricht der erhöhte Christus auch jetzt in diese Stunde und in die Bedingungen und Umstände unserer Seelsorgeeinheit hinein.
Gewiss können wir nicht so einfach hinter Jesus hermarschieren wie die Jünger das konnten, schließlich ist Jesus nicht mehr als Mensch unter Menschen für uns greifbar. Und doch hat er uns nicht verlassen, er ist unter uns gegenwärtig auf verschiedene Weise:

  • Er ist gegenwärtig in seinem Wort - das nicht als abstraktes Kulturgut des christlichen Europa im Bücherschrank aufbewahrt, sondern verkündigt, gehört, bedacht und zur Grundlage unseres Glaubens und unserer Lebensführung gemacht werden will.
  • Er ist gegenwärtig in der Gemeinde, die mit ihren Höhen und Tiefen, ihrem Versagen und Gelingen zusammenkommt, um sich neu zu vergewissern und stärken zu lassen.
  • Er ist da, wenn wir Eucharistie feiern, gegenwärtig in den Zeichen von Brot und Wein.
  • Und nicht zuletzt ist Christus gegenwärtig in jedem Menschen, dem wir begegnen.
    Auch uns also gilt Jesu Wort: "Kommt und seht!"

Wenn eine kleine Gruppe aus der SE dieser Einladung in dem Sinn gefolgt ist, einmal zu sehen, was denn Jesus in seiner kraftvollen Vision vom Reich Gottes uns sagen will, und wenn ihnen dabei einige Sätze als markante Orientierungspunkte aufgegangen sind, die als biblische Leitbildsätze in eine zukünftige Konzeption für unsere SE eingehen sollen, dann wäre es natürlich wünschenswert, dass diese auch Zustimmung finden bei vielen in der SE. Wir werden in den PGRäten uns noch eingehend damit beschäftigen. Es soll damit ein Gespräch in Gang kommen, das letztlich auf der Einladung Jesu beruht: Kommt und seht, und das uns fähig macht, Schwerpunkte für unser Handeln zu setzen. Wir sollen ja nicht alles Mögliche machen, sondern das Richtige und Notwendige. Wie leicht verlieren wir uns im Nebensächlichen. Wir brauchen einen Maßstab, an dem wir ablesen, ob wir richtig liegen und wo unsere Defizite sind.
Die Jünger hatten eben doch recht mit ihrer Frage: Wo wohnst Du? Sie erfuhren, dieser Jesus muss niemandem hinterherlaufen, er hat seinen Platz gefunden, und wer ihm folgt kommt auch zu seinem Eigentlichen.

Für das Leben in unserer Gesellschaft gilt als Kennzeichen, dass Mobilität gefordert ist. Damit ist nicht nur gemeint, dass sie an verschiedenen Orten arbeiten, wohnen und Freizeit erleben. Sie sind es oftmals auch in der Wahl ihrer Beziehungen und Lebensinhalte. Viele wandern von einem zum andern, ohne da oder dort wirklich zu bleiben. Die Gefahr steckt darin, überall zu sein und doch nirgendwo zu hause zu sein. Das Bleiben ist schwer, wo einer meint, das, wo er gerade ist, bietet ihm nichts. Es wird schwer, wo man meint, etwas zu verpassen. Wo Menschen ihre Erfahrungen mit ihrer Mobilität verarbeiten, wird ihnen zunehmend bewusst, dass sie auch eine Bleibe, eine Identität brauchen.

Christsein meint, sich darauf einzulassen und darin Halt zu finden, dass der eine, lebendige Gott sich in Jesus mitgeteilt hat. Und eine herausragende Möglichkeit, der Einladung Jesu „Kommt und seht“ zu folgen, ist die Eucharistiefeier am Sonntag. Sie ist unsere kostbarste Möglichkeit, in der Liebe Jesu zu bleiben und zu wachsen. Wir sind da nämlich nicht nur eingeladen zu kommen und zu sehen, sondern auch zu kosten und in uns aufzunehmen, wer dieser Jesus für uns ist:
Wahrhaftiges Brot zum Leben,
verlässlicher Maßstab, der unserem Tun Richtung und Ziel gibt.