Predigt von Pfr. A. Frank am 17.1.2010, dem Fest der Seelsorgeeinheit
1 Kor 12, 4-11 Joh 2, 1-11
Wenn wir das Sonntagsevangelium lesen auf dem Hintergrund des heutigen SE-Festes, dann machen wir vielleicht eine eigenartige Beobachtung:
Einerseits dürfen wir dankbar auf gelungene Fortschritte im Aufeinanderzugehen und Zusammenwachsen in der SE schauen. Wir haben Erfahrungen
von bereichernder Fülle im Zusammenspiel der drei Gemeinden machen dürfen. Andererseits macht sich inzwischen ein neuer Mangel bemerkbar, der
die gewonnene Stabilität wieder bedroht. Nach den Plänen von Freiburg reicht auch der Zusammenschluss von drei Pfarreien zu einer Einheit in
absehbarer Zeit nicht mehr, um die Seelsorge flächendeckend sicherzustellen. Nach den Planspielen der Diözesanleitung müssen noch weitere
Gemeinden zusammengenommen werden. Die Rede ist von der Seelsorgeeinheit Rheinfelden und Dinkelberg und vielleicht auch noch die SE Herten
und Grenzach-Wyhlen zu einer einzigen Einheit.
"Sie haben keinen Wein mehr." Der Wein, die Fülle, die Freude, der Jubel sind ausgegangen. So ist die Situation der Glaubenden immer
wieder gewesen, heute vielleicht in neuer Weise: Wie oft stehen wir trotz aller Anstrengung mit leeren Händen da, können den Zeitgenossen,
die sich eine "hohe Zeit erhoffen, etwas, wo es hoch hergeht, nicht anlocken, haben keinen Überfluss anzubieten, nur wenig Anziehendes.
Wer immer den Mangel bemerkt hat, weiß offenbar auch schon Bescheid, wie dem Mangel beizukommen ist: man muss nur die Gemeinden
großzügiger auf die weniger werdenden Priester und anderen pastoralen Mitarbeiter verteilen. Der Vergleich mit dem Evangelium hinkt
natürlich. Aber spannend ist es doch, auf die Weise hinzuschauen, wie Maria aufmerksam dem peinlichen Ende des Festes entgegenwirkt. Sie
wendet sich an ihren Sohn und flüstert ihm zu: Sie haben keinen Wein mehr, und vertraut darauf, dass er abhilft. Nachdem er klargestellt hat,
dass seine Sendung in einen größeren Zusammenhang gehört, ermuntert die Mutter die Diener: Was er euch sagt, das tut! So kommt es zu der
Ungeheuerlichkeit, dass sie, um den Mangel an Wein zu beheben, die Reinigungskrüge mit Wasser auffüllen. Was Jesus ihnen da aufträgt, können
sie leisten, gewöhnliches Wasser beischaffen. Wie erstaunt müssen sie gewesen sein, als eine Kostprobe das gewöhnliche Wasser als köstlich
gewandelten Wein ausweist.
Wir schauen natürlich in unserer Situation danach aus, wie aus dem Mangel bei uns eine neue Fülle werden könnte. Wir können es nicht recht
glauben, dass ein zahlenmäßiges Mehr die Situation rettet. Woher kommt die neue Qualität, die mehr als die Summe ist?
Lesen wir das Evangelium im Licht der Lesung aus dem Korintherbrief, dann stoßen wir auf eine interessante Aussage: Es gibt verschiedene
Befähigungen, die dem Aufbau der Gemeinde dienen, aber alle stammen von dem einen Geist. Zuvor hören wir in diesem Brief viel von Streit und
Auseinandersetzungen. Wir erfahren, dass die Gemeinde in Korinth in der Gefahr stand, in kleine, rivalisierende Gruppen auseinander zu
fallen. Wie reagiert der Apostel Paulus darauf? Er sagt: Ja, ihr seid sehr verschieden, lauter Unikate. Keiner von euch ist mit dem anderen
vergleichbar. Jeder ist unverwechselbar, so wie man Hand und Fuß, Kopf und Magen nicht miteinander vergleichen kann. Bei solcher
Verschiedenheit gibt es von euch her kein Zusammenkommen - nicht aus eigener Kraft, nicht aus gutem Willen. Das Wunder der Verwandlung der
vielen zu dem einen, lebendigen Organismus kann nur geschehen, wenn ihr darauf setzt: Es ist nur ein Herr, eineTaufe,
ein Geist. Christus ist der Herr aller, die sich neu machen und durch seinen Geist zusammenfügen lassen. Durch ihn werden sie ein
Leib, jeder ein Teil, gleich wichtig, gleichwertig, aber nicht zu demselben berufen. Nur wenn alle dem zustimmen, wird der eine Leib das,
was er sein kann: ein Wunder an Einmütigkeit.
Ein Grundsatz ist Paulus dabei besonders wichtig. Er erklärt ebenso mutig wie pauschal: grundsätzlich ist jedem Christen, Mann und Frau,
ein Charisma gegeben. Die moderne Pädagogik bestätigt diesen Ansatz. Gerade Hauptschulen stoßen vermehrt auf junge Menschen, die chancenlos
zu sein scheinen und die dann als Perspektive nur noch »Hartz IV« angeben können. Erfahrene Lehrer versichern nachdrücklich, dass jeder
Jugendliche mit Sicherheit eine Seite besitzt, auf der er besondere Begabung aufweise. Alles liegt daran, den jungen Menschen beim Auffinden
ihrer Begabung behilflich zu sein. Nach Paulus gilt das auch für die religiöse, missionarische Seite. Nur wenn man nie darauf stößt oder
gestoßen wird, wird man sie nicht herausfinden. Daher kommt es darauf an, dass jede und jeder rechtzeitig erfährt, wo seine persönliche
Brücke zum Glauben ist. Und das wird auch die Stelle sein, an der er zu begeistern ist und andere begeistern kann. Denn wovon man begeistert
ist, das kann man auch weitergeben. Und wenn jemand merkt: Hier kann ich leben, an dieser Stelle kann ich aufblühen, dann kann er seinen
Glauben anfangen zu lieben.
Wie wird nun aus dem Wasser der Wein? Das Geheimnis verbirgt sich hinter dem Wort Marias: "Was er euch sagt, das tut." Die Diener müssen
etwas tun, aber nicht eigenmächtig; sie müssen der Weisung Jesu vertrauen, Wasser schleppen, dem Speisemeister eine Kostprobe bringen.
Johannes nennt dieses Wunder das erste, und zugleich sagt er, dass die Hochzeit in Kana "am dritten Tag" stattfand. Man fragt sich: An
welchem dritten Tag? Was ging voran? Voran ging die Berufung, die Sammlung der ersten Jünger. Die Sammlung des Gottesvolkes ist eine
Voraussetzung. Doch die Evangelien lassen weitere Deutungen zu: Am dritten Tag erstand Jesus Christus vom Tod, am dritten Tag erschien
er den Jüngern, am dritten Tag fingen sie an zu verstehen, dass nun sie gefragt waren, dass es nun an ihnen und ihrer Einmütigkeit hing,
"seine Stunde" als die Geburtsstunde des Neuen, der Erfüllung, der Erlösung zu bezeugen. Im heutigen Evangelium sagt Jesus: "Meine Stunde ist
noch nicht gekommen." Gekommen war sie beim letzten Mahl mit den Jüngern. Gekommen war sie, als die geflohenen, verängstigten Jünger sich neu
zusammenfanden, als sie einsahen und bekannten, dass von ihnen her nichts mehr gekommen wäre, nachdem sie geflohen waren, Jesus verleugnet
und verraten hatten. Erst an diesem Nullpunkt, da ihnen wirklich "der Wein ausgegangen war", wurden sie bereit, fortan ohne Murren
"Wasserkrüge zu schleppen und zu füllen", und zu tun, was "er ihnen gesagt hatte", um die "Hochzeit des Lammes" zu feiern, das Angekommensein
der Erlösung auf der Erde. Die Frage ist also: Entdecken wir die Fülle an Charismen, die in den Gemeinden vorhanden sind, vielleicht
auch im verborgenen schlummern? Oder messen wir alles am Vorhanden- oder Nichtvorhandensein eines einzigen Charismas, nämlich dem des
Priesters? Die Frage, an der sich Fülle oder Mangel entscheidet, lautet also: Wie kannst du das, was dein Charisma, deine Berufung ist,
in die Gemeinschaft einbringen und zum Blühen bringen?
Es kann uns verwundern, wie viele in der Gemeindeversammlung von Korinth sich zu Wort meldeten, ohne dass sie ein Pfarrer dazu
aufmunterte. Freilich, das war zeitweise recht turbulent, ja chaotisch. Deshalb riet ihnen Paulus zu einer Ordnung: einer soll nach dem
anderen reden, und nicht zu viele, zudem mit Verstand (1 Kor 14,19), und Unverständliches, wenn es schon sein muss, soll einer deuten.
Paulus kommt nicht auf die Idee, er selbst müsste Leute suchen, die lehren, prophetisch reden, heilen, leiten, Wunder wirken. Diese Gabe
trägt jeder in sich: Jeder hat sie unmittelbar durch Gottes Geist, und nicht vom Apostel delegiert. Jeder ist Mitarbeiter Gottes; Jeder
bleibt verantwortlich für seine Begabung. Wie reich an Begabungen muss die Gemeinde in Korinth gewesen sein! Da gab es Wundertäter,
Propheten, Lehrer, Glaubensstarke, Krankenheiler, Leiter. Wenn wir aber überlegen, welche Begabungen es in unseren Gemeinden gibt, dann
finden wir auch eine ganze Menge: Kirchenmusiker und Chöre, die durch ihre Musik Glanz und Leben in den Gottesdienst bringen; den Rechner im
Stiftungsrat, der mit den pfarrlichen Geldern verantwortlich umgeht; die Gruppenleiter, die ihre Arbeit in der Erstkommunionkatechese, in der
Firmvorbereitung, in der Jugendarbeit mit freudiger Ausdauer machen; diejenigen, die den Besuchsdienst bei Kranken und Jubilaren ausüben;
jene, welche sich um die Trauernden, kümmern; die Männer und Frauen, die im Pfarrgemeinderat Impulse für das Leben in den Gemeinden geben.
Dabei muss uns auch klar sein, dass es viele Gaben gibt, die nicht so in den Vordergrund treten. Z. B. der Dienst des Gebetes oder des
stillen Mithelfens, wo Not an Mann oder Frau ist. Der Pastoraltheologe Zulehner gebraucht einmal das Bild vom Schwamm. Waren in der Gemeinde
in Korinth die vielen Begabungen verteilt auf viele Gemeindemitglieder, so wurden im Lauf der Zeit jene Leute immer wichtiger, die im Auftrag
des Bischofs für Ordnung in den Kirchengemeinden Sorge trugen. Die „Priester“, wie man sie jetzt anfing zu nennen, saugten wie ein Schwamm
viele einzelne Charismen auf, oder vorsichtiger ausgedrückt, es wurden dem Priester alle diese Aufgaben zugedacht. Heute geht der Prozess in
die andere Richtung: der »Schwamm muss wieder Wasser abgeben: Nicht nur dass der Priester etwas von seiner Arbeit mangels Zeit an andere
delegieren muss. Die Leute müssen auch zurückerhalten, was sie verloren haben. Eine Pfarrei lebt heute nur, wenn viele mitmachen, also ihre
Begabung entdecken und »zum Aufbau der Gemeinde« zur Verfügung stellen. Der Dienst des Priesters kann nicht mehr alles Mögliche sein. Er ist
nicht für alles und jedes zuständig. Sein Dienst ist Dienst an den Charismen in der Gemeinde. Er soll den Gläubigen Mut machen und sie an
ihre Gaben erinnern. Ausgangspunkt für uns war die Betrachtung der leeren Krüge. Sie sind nicht das Schlechteste. Sie lassen uns
ausschauen. Wenn wir dann Jesus einladen, dann kann sein Wort, sein Evangelium auf den fruchtbaren Boden vieler einzelner fallen. In volle
Hände und Herzen kann auch Gott nicht schenken. Jesus wendet unseren Blick auf das alltäglich Vorhandene hin. Er lädt uns ein, mit bereitem
Herzen zu geben, was da ist, nicht geizig sparsam, sondern randvoll, vielleicht auch nur eben so viel, wie es geht. Dann beginnt das Blatt
sich zu wenden. Darum betont Paulus die Vielfalt der Charismen, und davon besitzt jede und jeder zumindest eines. Und kein Charisma gilt mehr
als ein anderes. Denn keines ist ein selbst erworbener Besitz, sondern unverfügbare Gabe des Geistes Gottes. Und für den Aufbau der Gemeinde
ist jedes Charisma wichtig. |