24. Sonntag im Lesejahr C -
16. September 2007
Lesungen: Exodus 32,7-11.13-14 und 1 Timotheus 1, 12-17 Evangelium: Lukas 15, 1-10
In jeder Gesellschaft existieren Gesetze, die Menschen ausschließen, und jede Gruppe hat eine Rangordnung, nach der es Herrscher gibt und
Untertanen. Jesus aber schwebt die Vision eines menschlichen Zusammenlebens vor, das er in seinem Volk durch seine eigene Person verwirklicht
sehen möchte. Wenn es denn stimmt, dass in der Geschichte der Völker Israel eine besondere Rolle unter den Augen Gottes zu spielen hätte,
welche dann wohl, wenn nicht die einer vorbildlichen Menschlichkeit? Wenn die Verheißungen der Propheten stimmen sollten, auf Israel würde
man im Völkerdunkel schauen wie auf ein hohes Licht und hinpilgern wie zu einem Berg, in dem die Erde ihre Mitte findet, wie denn anders
sollte dies gemeint sein, als dass inmitten Israels ein Mensch zum anderen fände und ein jeder dem anderen begegnen würde mit Achtung. Nichts
sollte es geben, was sonst in der Völkerwelt für unumgänglich gilt. Es gibt die Leitlinien der Moral, des Anstands und der guten Sitte; nach
denen richten sich diejenigen, die es vermögen, und mit Häme und Schadenfreude schauen sie auf andere herab und drängen hinaus, die an den
Satzungen vorbeileben. Man weiß nicht, wie Jesus dazu kam, sich immer wieder grade mit den Zöllnern, den Dirnen, den Sündern zu
identifizieren, sie einzuladen, gerade sie, weshalb er sagen konnte: »Ich bin nicht gekommen zu den Gesunden, mein Vater hat mich gesandt zu
den Kranken.« Mutmaßen kann man darüber, dass Jesus diese Bereitschaft zu einer grenzenlosen Güte gelernt haben muss durch eigenes,
tiefempfundenes Leid und die Erfahrung eigener Ausstoßung. Aber ganz sicher ist, dass man vom Auftrag und vom Wesen Jesu nichts begreifen
wird, abgetrennt von diesem seinem zentralen Anliegen, auch den Letzten in Israel mit einzuladen.
In diesem Gleichnis anerkennt Jesus die Spielregeln, darin beruht die List seines Gleichnisses. Er anerkennt, dass es Gerechte gibt und
Verlorene. Er akzeptiert sogar die Einteilungsschemata seiner Gegner. Überzeugt ist er davon keinesfalls. In der Bergpredigt, wo er sich ohne
Rücksicht ausspricht, klingt es ganz anders. »Worin denn«, sagt er da, »besteht eigentlich der Unterschied zwischen den Sündern und den
Gerechten? Muss Gott sich nicht gleich tief herabbeugen zum Stolz der Gerechten wie zur Erbärmlichkeit der Sünder? Nein, Gott lässt die Sonne
aufgehen über Gute und Böse, und er lässt regnen über Gute und Böse. Die Leute, mit denen er redet, sind wütend und empört, sie glauben ein
Recht zu haben zur moralischen Entrüstung. Man denke: Ein Prophet, ein Mann Gottes, ein solcher setzt sich zusammen mit dem Pack, dem Pöbel,
den Gesetzesbrechern. Das Gleichnis Jesu ist listig, denn Jesus weiß: Die Gesellschaft funktioniert so, dass sie ihre Regeln hat, ihre
Rangordnungen und ihre Grausamkeiten. Deshalb bedient er sich eines Bildes, das für die Gesellschaft eigentlich nicht passt, aber eine
erstaunliche Strahlkraft besitzt: Stellt euch einen Hirten vor mit hundert Schafen im Gebirge; er zählt des Abends und entdeckt, ein Tier
fehlt ihm. Selbstverständlich geht er die Wegstrecke noch einmal zurück, um das verlorene zu suchen. Kein Hirt in Palästina verhielte sich
anders, denn wollte er so tun, brächte er sich nach und nach um seine ganze Herde. Jeder wird dem hundertsten Schaf nachgehen und die
neunundneunzig unter dem Schutz des Stalles zurücklassen. Und hat er es gefunden, nimmt er das erschöpfte, verängstigte Schaf auf die
Schultern und trägt es nach Hause voller Freude.
Es ist ein ergreifendes Bild, weil es beschwört, uns mit dem Hirten und mit dem Schaf zu identifizieren. Es ist ein Gleichnis zur
Rechtfertigung all dessen, was Jesus tut. „Darf ich nicht“, will er sagen, „gut sein auch zu denen, die sonst gar keine Chance hätten? Soll
es nicht wahr sein, dass Gott jeden Menschen, den er schuf, zu seinem Glück bestimmt hat? Soll man nicht denken, dass es Gott quält und er
leidet, mitansehen zu müssen, wie Menschen ins Unglück stolpern? Ja, wollt ihr denn wahrhaftig Gott im Munde führen und gleichzeitig Mitleid
und Verständnis verbieten?“ Vielleicht darf man von Gott so menschlich denken, dass er die Alltäglichkeit des Guten für normal und
keiner weiteren Erwähnung wert erachtet. Grau ist der Alltag, die Pflicht wenig erfreulich. Überschäumendes Glück, selbst bei Gott ruht auf
den nichtalltäglichen Ausnahmen, auf der Rettung des Verlorenen.
Darum soll die Haltung der Barmherzigkeit unser Herz niemals verlassen. Alles umspannt Gottes Güte. Und es fehlt nicht viel und wir
merken, dass wir alle sein Erbarmen brauchen, dass es überhaupt gar keine neunundneunzig richtige und ein verlorenes Schaf gibt, sondern nur
eine gemeinsame Menschheit, die der Rettung entgegenharrt.
Die Zöllner und Sünder kamen zu Jesus, wie unaufgefordert und wie magnetisch gezogen, wohl deshalb, weil sie spürten und ganz gewiss sein
konnten, auf jemanden zu treffen, der nicht verurteilen würde, sondern einfach nur verstehen, akzeptieren würde, wohin Menschen haben kommen
können, und der weiß, wie wenig es in ihrer Kraft stand, zurückzufinden. Es geht durch diese Welt ein nicht endender Schrei um Hilfe, und es
ist einzig die Frage, in wessen Seele er widerhallt und was man erlebt haben muss, um dafür Resonanz zu haben. Jesus hatte sie. Kann man
verurteilen, wenn man beginnt zu verstehen? Möglich, dass Jesus Augen hatte, die hellsichtig genug waren, unmittelbar zu begreifen, was in
den Augen anderer geschrieben steht. Er wollte den Menschen nachgehen, die in ihr Leben keine Hoffnung mehr zu setzen wussten und die nur
denken mochten, wenn Menschen sie verließen, wie würde dann Gott noch auf sie setzen können? Man muss im Hintergrund dieser kleinen
Gleichniserzählung von dem guten Hirten mithören, was jeder in Israel kannte: die unglaublichen Worte des Propheten Ezechiel über die Führer
seines Volkes, 34. Kapitel, Vers 4: »Ihr«, schreit da Ezechiel den Führern seines Volkes, Priestern, Schriftgelehrten, Politikern, ins
Angesicht, »ihr habt das Verlorene nicht zurückgeholt, das Kranke nicht geheilt, das Gebrochene nicht verbunden, statt dessen aber das, was
stark ist, niedergetreten.« Kann es nicht sein, dass am Ende eine Religion entsteht, die beim Sprechen von Moral auch wieder nur Herrschaft
und Unterdrückung praktiziert? Eine, die alles, was im Menschen leben könnte, nicht wünscht, und um den Schaden, den sie anrichtet, sich
nicht kümmert? Dieses Gleichnis vom Guten Hirten hat den Charakter einer Idylle, aber es ist ein leidenschaftliches Plädoyer für das
Verstehen, für das Nicht Aburteilen. Und nun müssen wir uns fragen, wo wir sind, und uns umschauen. Jesus wollte, dass wir Gott entdecken als
jemanden, der uns trägt, wenn wir nicht mehr gehen können, der uns sucht, wenn wir im Schmutz verloren sind, und der uns beisteht, wenn wir
nicht ein noch aus wissen. Deshalb setzte er sich mit Zöllnern und Sündern an einen Tisch, um zu sagen: Dies ist das Reich Gottes. Es gibt
keine Grenzen für menschliche Solidarität. Es gibt nur ein einziges Reich Gottes, von dem niemand ausgeschlossen ist. Denn Gott will sie alle
und vielleicht die am meisten, die nie haben glauben dürfen, dessen würdig zu sein. |