Predigt von Anton Frank zum Patrozinium des Heiligen Gallus (15.10.2006)
Berufung und Verantwortung Patrozinium in Warmbach Hl. Gallus (16. Oktober) Lesung: Weisheit 7, 7-11 Evangelium: Markus 10,17-30
Wir feiern das Fest unseres Kirchenpatrons, des heiligen Gallus. Nach ihm ist die Kirchengemeinde von Warmbach benannt. Mit seinem Fest
kommen wir in Berührung mit dem, was unsere Gemeinde in ihrem Wesen ist. Wofür steht der heilige Gallus?
Wir wissen vom heiligen Gallus: Er hatte seine Heimat Irland verlassen, um Menschen die befreiende Botschaft Jesu zu bringen. Er hat dabei
Erfahrungen von Gelingen und Misserfolg gemacht von Zerwürfnis und Trennung von seinen früheren Mitstreitern. So finden wir ihn wieder als
Eremit an der oberen Steinach. Auf die Ehre des Bischofsamtes von Konstanz, das ihm Herzog Gunzo aus Dankbarkeit für die Heilung seiner
Tochter angeboten hatte, verzichtete er. Auch die Würde eines Abtes schlug er aus und blieb seinem Einsiedlerdasein treu. Und doch wirkte er
so nachhaltig, dass die Menschen ihn nicht vergessen haben. Was wir bei ihm finden, ist das Feuer einer Begeisterung, die offensichtlich auch
durch Schwierigkeiten und Rückschläge nicht gemindert, wohl aber in ihrer Ausprägung eine Wandlung erfuhr. Es war darin die Bereitschaft,
sich von vielleicht allzu idealistischen und überheblichen Vorstellungen des Missionierens in fremdem Land zu trennen und Glauben und Leben
von Grund auf neu zu lernen und sich in die Botschaft Jesu zu versenken.
Er gibt uns so das Beispiel eines Jüngers Jesu, der seinem Meister nachfolgt und scheinbare Reichtümer, Sicherheiten und Erfolge hergeben
kann für den einen Reichtum der Gemeinschaft mit Jesus Christus. So ist er ein Gegenbild zu dem reichen jungen Mann des Evangeliums, das wir
heute gehört haben, der zwar die Sehnsucht hatte, mehr zu tun als nur Dienst nach Vorschrift, aber in seinem Herzen nicht frei war.
Das Beispiel dieser beiden fordert uns auf, über die Berufung nachzudenken, die wir haben. Wie erkennen wir unsere persönliche Berufung
ihre richtige Art und das rechte Maß? Vielleicht sollten wir zuerst einmal das Wort "Berufung" durch ein anderes ersetzen und deuten.
Denn es ist missverständlich: Jesus sagt uns ja nicht durch einen bestimmten Befehl, wozu er uns heute braucht. Nein, darüber müssen wir
schon selber nachdenken. Im Licht seiner Botschaft und im Gespräch mit ihm können wir dann unser eigenes Profil als Mensch und Christ finden.
Profil, das könnte das neue Wort für Berufung sein.
Die Art, wie wir unseren Beruf auffassen und unsere Freizeit gestalten; die Art, wie wir mit dem Ehepartner, mit Kindern,
Verwandten oder Nachbarn umgehen; aber auch die Art, wie wir unseren Kontakt mit Gott im Gebet pflegen oder den Gottesdienst mitfeiern und
schließlich auch, ob und wie wir ehrenamtliche Aufgaben in Kirche und Gesellschaft übernehmen all das macht unser Profil als Mensch und
Christ aus, und all das muss und darf sich in vielen einzelnen Schritten herausbilden.
Einerseits müssen wir von uns aus Ziele, Ideale und Vorsätze entwickeln, die uns deutlich machen, was wir wollen.
Ein junger Mensch sagt sich vielleicht: "Ich will Kinder haben und ihnen möglichst viel mitgeben und natürlich auch in meinem Beruf etwas
leisten." Ob das möglich ist, das muss er freilich wenn Gesundheit und Wohnverhältnisse stimmen flexibel mit seinem Ehepartner aushandeln.
Ein anderer nimmt sich vielleicht nach dem Vortrag eines Entwicklungshelfers oder einer Reise in die weite Welt vor, etwas für Notleidende
in der Dritten Welt zu tun. Doch während seiner Ausbildung ist das nicht möglich und danach beanspruchen ihn der Beruf und die Familie bis
er, nachdem die Kinder erwachsen sind, eine Gelegenheit findet, in einem Dritte Welt Kreis mitzuarbeiten.
Wieder ein anderer kommt in Kontakt mit der Jugendarbeit in der Gemeinde, z. B. durch das Ferienlager oder den Kinder- und Jugendchor,
und es entwickelt sich in ihm die Bereitschaft, nicht nur daran teilzunehmen, sondern auch ein Stück Verantwortung zu übernehmen als
Gruppenleiter oder technischer Helfer. Manches an dem Profil, das wir entwickeln, ergibt sich auch ungeplant. Etwa aus einer Not heraus
so, wenn jemand ein behindertes Kind oder Eltern zu versorgen hat und sich nun mit Kopf und Herz in diese Aufgabe einarbeitet. Mancher wird
zu einem unentbehrlichen Mitarbeiter der Pfarrei, eines Hilfswerks oder der Sterbebegleitung, einfach, weil man dringend jemand brauchte und
ihn ansprach. Da hat er es probiert und sein Talent entdeckt. Was aber sollen wir über das hinaus, was für alle Menschen und Christen
geboten ist, zu unserem Anliegen machen? Welche Frömmigkeitsformen sollen wir pflegen, welche Werke unterstützen?
Die Auswahl ist ja groß vom Rosenkranz bis zu christlichem Yoga, von traditionellen kirchlichen Gruppen bis zu charismatischen
Gebetsgruppen und anderen spirituellen Bewegungen; von einem Ehrenamt mit regelmäßigen Verpflichtungen bis zur einmaligen jährlichen
Caritassammlung. Wie finden wir das, was uns gemäß ist und dem Ruf Christi an uns entsprechen könnte?
Welche Formen des Gebets und des Engagements in Kirche und Gesellschaft? Welche Gebets und Frömmigkeitsformen sind für uns richtig und
wie viel davon? Entscheidend ist wohl, ob uns etwas lebendig genug mit Gott, mit Jesus Christus und den Menschen verbindet. Darum
sollten wir immer wieder überprüfen, ob unser tägliches Gebet und die Art, den Gottesdienst mitzufeiern, vielleicht eine Änderung brauchen.
Welche Formen des Engagements in Kirche und Gesellschaft sind für uns richtig und wie viel davon? Auch bei dieser Frage sollten wir in uns
hineinhorchen, allerdings auch auf den Bedarf an Hilfe in unserer Umgebung achten.
Wenn wir als Helfer angefordert werden, erleben wir meistens einen inneren Kampf zwischen unseren guten Absichten und der Befürchtung,
ausgenützt und über die Maßen belastet zu werden. Und gerade wenn wir selbstkritisch und gewissenhaft sind, plagt uns der Zweifel, ob diese
Bedenken berechtigt sind oder nur unserer Bequemlichkeit entspringen.
Darüber hinaus sollten wir prüfen: Ist die Notlage wirklich gegeben und bin ich zur Hilfe fähig aufgrund meines Könnens und Wissens und
unter Berücksichtigung meiner Belastbarkeit, meiner Familienverpflichtungen und Einkommenssituation , so dass ich sie auch leisten sollte?
Diese Überlegung klingt zunächst wie Drückebergerei und Ausrede. Aber Hilfsbereitschaft heißt ja nicht, dass man sich selbst so aufopfert,
dass man am Ende selber Hilfe braucht. Wir sollen gewiss im Rahmen des uns Möglichen Bedürftige unterstützen zum Unmöglichen sind wir aber
nicht verpflichtet. Diese nüchterne Betrachtung soll unsere Hilfsbereitschaft nicht mindern, sondern vor Überforderung bewahren und damit
erhalten. Mit einer solchen Einstellung können wir unser Profil und unsere Berufung finden und weiterentwickeln.
Ich möchte nun aber doch noch einen konkreten Punkt herausgreifen, der für unsere Gemeinde wichtig ist: die Versorgung von
Pflegebedürftigen, wie sie die kirchliche Sozialstation aufbringt, und für die wir als Träger aufkommen mit anderen Kirchengemeinden. Hier
möchte ich die Werbetrommel rühren für den Förderverein, der mit den Beiträgen seiner Mitglieder mithilft, dass die Sozialstation ihre Arbeit
nicht nur nach Gesichtspunkten der Rentabilität ausführt, sondern zu jedem Pflegebedürftigen geht und Hilfe auch nicht verweigert, wenn die
öffentlichen Zuschüsse im konkreten Fall den Aufwand nicht abdecken. Dafür kommen dann die Kirchengemeinden auf. Diese können es aber auch
nur, wenn ihre Gemeindemitglieder bereit sind, diese Aufgabe mitzutragen und Solidarität zu bezeigen, indem sie freiwillig einen Beitrag dazu
leisten. Ich bitte Sie, überlegen Sie sich, falls Sie das noch nicht sind, ob Sie Mitglied des Fördervereins für die Sozialstation werden und
mit ihrer Spende die Hilfe für Pflegebedürftige in unserer Gemeinde mittragen wollen. Liebe Brüder und Schwestern
Güter, die uns gegeben sind, werden dann nicht zu einer Behinderung für uns selbst, wenn wir sie einsetzen für andere. Es gibt nicht nur das
Beispiel des traurigen jungen Mannes, der es nicht über sich bringt, loszulassen, sondern auch das Beispiel eines Gallus, der sein Herz nicht
an Ehre und Positionen hängt, der bereit ist seine einmal eingeschlagene Richtung aufs neue zu überprüfen und der Suche nach einem größeren
Reichtum zu unterwerfen. Diesen Reichtum hat er gefunden in der Versenkung in die Hingabe und Liebe Jesu. Jesu Reichtum macht frei und
lebendig. Nach diesem Reichtum verlangen wir Menschen im Grunde unseres Herzens.
Die Haltung, die dabei sichtbar wird, finden wir in einem Gebet des heiligen Ignatius von Loyola wieder, in dem er um Großmut bittet. Mit
diesem Gebet möchte ich schließen: "Leben schaffende Weisheit Gottes! Lehre mich die wahre Großmut. Lehre mich, dir zu dienen, wie du
es verdienst: Geben, ohne kleinlich zu zählen; kämpfen, ohne mich von Widerständen abschrecken zu lassen; arbeiten, ohne Mühen zu scheuen;
mich einsetzen, ohne irdischen Lohn zu erwarten. Mir genüge das frohmachende Wissen, deinen heiligen Willen zu erfüllen." Amen. |