Patrozinium von Felix und Regula und Kreuzerhöhung am 14. Sept. 2008
Predigt von Pfr. Anton Frank 

Lesung: Numeri 21, 4-9
Johannesevangelium: 3, 13-17

Liebe Brüder und Schwestern! Heute am Fest unserer Patrone Felix und Regula feiern wir zugleich das Fest „Kreuzerhöhung“. Beide Feste führen uns in Zeiten, die geschichtlich nicht weit auseinander liegen.

Die Heiligen Felix und Regula gehörten zu den Gefährten des heiligen Mauritius, jener römischen Legion aus Ägypten, die in der Zeit des Kaisers Diokletian und Maximianus Ende des 3. Jahrhunderts nach Gallien in das Gebiet um den Genfer See geschickt wurde, um das römische Staatsgebiet zu sichern. Diese Legion bestand aus Christen, die sich aus Glaubensgründen weigerten, die göttliche Verehrung des Kaisers mitzumachen und deshalb den Märtyrertod starben. Mauritius soll Felix mit Rücksicht auf seine Schwester Regula geraten haben, sich mit ihr in Sicherheit zu bringen. Die beiden konnten sich dem Massaker an der thebaischen Legion entziehen und zogen daraufhin in die Gegend von Glarus. Später kamen sie in die Gegend von Zürich. Dort stellten sie sich dem römische Statthalter Decius. Sie hielten die Zeit für gekommen, nicht mehr davonzulaufen. Gleich ihren Glaubensbrüdern wollten sie offen für ihren Glauben an Jesus Christus einstehen erlitten gleich ihnen den Märtyrertod.

Der Ursprung des Festes Kreuzerhöhung führt uns in die Zeit bald danach, als unter Kaiser Konstantin die Wirren der Christenverfolgung aufhörten. Konstantin hatte das Gelände mit dem Grab Jesu wieder freilegen lassen. Es war im 2. Jahrhundert zugeschüttet und mit einem römischen Tempel überbaut worden. Bei den Ausgrabungsarbeiten soll, einem Bericht zufolge, das Kreuz Jesu am 14. Sept. des Jahres 320 wieder aufgefunden worden sein. Die Mutter Konstantins, die hl. Helena, hatte dieses Kreuz einen Tag nach der Einweihung der neu errichteten Grabeskirche am 14. September 335 dem Volk zur Verehrung aufstellen lassen. Dabei soll es zu wunderbaren Heilungen gekommen sein.

Die Kindergartenkinder haben vorher aus Pflastersteinen so etwas wie eine Pyramide gebaut. Das soll uns an die Situation des Volkes der Israeliten in der Wüste erinnern. Sie hatten den Mut, angeführt von Mose, dem Pharao zu trotzen und einen Weg in die Freiheit zu suchen. Sie glaubten daran, dass Gott ein Land für sie bereit hielt, in dem sie in Freiheit leben konnten. In der Wüste aber war ihr Mut bald klein geworden. Sie hatten zu kämpfen mit Hitze und Trockenheit, mit Hunger und Durst und den ganz alltäglichen Schwierigkeiten. Aus Furcht vor feindlichen Stämmen wichen sie immer wieder zurück in die Wüste und kamen nicht ins Gelobte Land. Viele hatten den Mut verloren. Ausgeliefert an ihre Angst und ihr mangelndes Vertrauen, heißt es in der Lesung: „Da schickte der Herr Giftschlangen unter das Volk. Sie bissen die Menschen und viele starben. Ja, schlangengleich hatte die Hoffnungslosigkeit ihre Herzen ergriffen und vergiftet. Auf das Wort Gottes hin machte Mose eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Stange auf, damit die Leute sie anschauten und geheilt wurden. Was mit diesem archaisches Bild gemeint ist, ist für uns heute nicht so leicht verstehen. Aber wir kennen auch die Redewendung: „der Gefahr ins Auge blicken“ und „den Kopf nicht in den Sand stecken“. Vielleicht wirkt in diesem Bild von der Kupferschlange auch nach, dass in der Sinaiwüste tatsächlich Kupfer gewonnen wurde, was die Wehrhaftigkeit des Volkes Israel stärkte gegenüber feindlichen Stämmen. Wir brauchen die Herkunft dieses Bildes aber gar nicht so genau zu kennen. Denn es erfährt im Johannesevangelium eine neue Deutung. So wie die Schlange muss der Menschensohn am Kreuz erhöht werden, damit jeder der auf ihn schaut und an ihn glaubt, das ewige Leben empfängt. Wenn wir auf die Anfänge der jungen Kirche schauen, dann sehen wir, dass die Vorstellung der Erhöhung ihr nicht fremd war, wie der alte Hymnus aus dem Philipperbrief belegt: dort heißt es von Jesus: "Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen."

Wenn schon das heilsame Kräfte im Menschen mobilisiert, wenn er der Gefahr bewusst ins Auge blickt, um wie viel mehr, wenn er dabei in das Angesicht der Liebe schaut.

In der Präfation des heutigen Festtages heißt es: »Vom Baum des Paradieses kam der Tod, vom Baum des Kreuzes erstand das Leben.« Die Schlange aus der Sündenfallsgeschichte führt dem Menschen seine Hinfälligkeit vor Augen, wenn er meint, es besser zu haben, wenn er Gott los ist. Jesus »befreit« ihn aus seinem heimlichen Größenwahn und der daraus folgenden Verzweiflung, wenn er sieht, dass er nun all das selbst bewerkstelligen muss, was er von Gott erwartet hat, und führt ihn wieder zu einem Leben in Vertrauen und Liebe. Darum ist heute auch das Vortragskreuz aufgerichtet. Es erinnert mit seinem Kranz an die Schlange, aber auch an den Lebensbaum.
In der Karfreitagsliturgie heißt es: Seht das Holz, an dem der Herr gehangen, das Heil der Welt. Jesus scheute sich nicht, sich auf die unbequeme Realität festnageln zu lassen.

Was finden wir nun, wenn wir zu Jesus am Kreuz aufschauen? Ich denke, wir dürfen sagen: wir finden dort so viel Liebe, dass es sich auch mit den Problemen leben lässt, die uns manchmal schrecken. Wir finden bei Jesus Menschen, die in ihrer Lebensgeschichte gelernt haben gelassener, freier, offener, liebender mit sich und ihren Mitmenschen umzugehen, wie wir es an den Heiligen Felix und Regula sehen, und das macht auch uns Mut zu mehr Vertrauen und Freiheit. Davonlaufen, sich abwenden hilft ja nicht. Das hatten Felix und Regula irgendwann gemerkt. Man muss sich der Wirklichkeit stellen.
Wir Christen schauen aber dabei auf Jesus Christus. Er ist nicht geflohen vor den Schatten der Welt. Noch in der Nacht des Verrates fand er die Kraft, das Brot und das Leben zu teilen. Er widerstand der Versuchung zur Gewalttätigkeit. Nichts ist ihm erspart geblieben. In ihm hat Gott an sich selbst erfahren, was es heißt, Mensch zu sein, geknechtet zu sein, bösen Kräften, Gewalten, Ängsten ausgeliefert zu sein.
Liebe Brüder und Schwestern! Treten wir heute mit unseren Schutzpatronen Felix und Regula, die schließlich auch das Davonlaufen aufgegeben und sich der Verfolgung gestellt haben, stellen wir uns mit ihnen den Herausforderungen unserer Zeit. Stellen wir uns der Verantwortung heute.

Wir haben uns in der Vorbereitungsgruppe Gedanken darüber gemacht, was sind denn so Belastungen, die typisch sind für uns heute? Wir sind dabei als erstes gekommen auf den Leistungsdruck, der überall zugenommen hat. Was ist diesem Druck entgegenzusetzen? Ich denke, wir müssen lernen uns anzunehmen, wie wir sind. Der Blick auf Jesus am Kreuz zeigt uns, dass wir geliebt sind unabhängig von dem, was wir leisten. Natürlich ist es schön, wenn wir seiner Wertschätzung antworten, indem wir unser Bestes geben. Aber wir werden nicht erst wertvoll durch unsere Leistung.

Des weiteren ist uns aufgefallen: wir stehen fast beständig unter Zeitdruck, unter den wir uns (in Klammern gesagt) allerdings oftmals selbst bringen. Da denke ich, gilt es sich freizumachen von perfektionistischen Haltungen, und Freiräume zu schaffen, wo wir das Leben wieder spüren, und lernen, einfach da zu sein und gelassener zu reagieren auf Zeiten besonderer Anspannung.

Gegenüber der Belastung, die wir unserer Umwelt auferlegen, gilt es, neu zu lernen zu schätzen, was uns in der Natur und Umwelt gegeben wird: sie nicht zu verbrauchen um eines kurzen Lustgewinns willen, sondern sie zu gewinnen für eine nachhaltige Freude, die es versteht, sich auch Grenzen aufzuerlegen aus Respekt vor der Schöpfung.

Gegenüber der Angst, was die Zukunft bringen mag, müssen wir uns ins Bewusstsein rufen, wofür alles wir dankbar sein können. Daraus wächst das Vertrauen in kommende Zeiten.
Jemand hat einmal sehr treffend gesagt: „Frühere Generationen lebten 30, 40, 50 Jahre und danach ewig, heute leben die Menschen nur noch 70, 80, 90 Jahre. Und in diese versuchen sie all das Glück zu packen, das sie vom Leben erwarten, weil sie für die Zeit nach dem Tod nichts mehr für sich erhoffen.“ Mit so einer geschrumpften Perspektive ist Unzufriedenheit vorprogrammiert. Zur Unzufriedenheit gesellt sich gern die Undankbarkeit. Am Volk der Israeliten sehen wir: Die Großtaten Gottes, die Befreiung aus Ägypten, die Rettung am Schilfmeer, das Manna in der Wüste – das alles war bald vergessen. Auch wir müssen bestimmt nicht lange nachdenken, bis uns einfällt, was uns selbstverständlich geworden ist, was wir leicht vergessen und wofür wir nicht mehr danken: der Wohlstand in unserem Land, die trotz aller Kritik noch leistungsfähigen Sozialsysteme, die lange Periode des Friedens, die Erfahrung von Liebe und Gemeinschaft in Ehe, Familie und Freundschaft und auch die positiven Erfahrungen in unserer Gemeinde. Alles gute Gründe dankbar zu sein, anstatt zu klagen über das, was uns tatsächlich oder auch nur angeblich fehlt.
Wer vergisst, was Gott ihm Gutes in der Vergangenheit getan hat, verlernt unter Umständen, ihm für Gegenwart und Zukunft zu vertrauen.
Und wer kein Vertrauen in die Zukunft hat, klammert sich dann an alte Sicherheiten, wie wir es bei den Israeliten sehen: "Warum habt ihr uns aus Ägypten herausgeführt? Dort hatten wir immerhin genug zu essen." Das Klammern an scheinbare Sicherheiten, an Materielles und anderes Handgreifliches führt uns aber nicht weiter ins Gelobte Land, in das Reich Gottes.

Wie gut, dass im Kreuz Jesu mehr sichtbar wird.
Wenn wir einmal das Ziel unseres Lebens aus den Augen verlieren, erinnert uns ein Blick auf den Gekreuzigten daran, dass uns eine ewige Heimat bei Gott verheißen ist.

Wenn wir die Großtaten der Liebe Gottes einmal zu vergessen drohen, erinnert uns ein Blick zum Kreuz daran, wie weit Gott in seiner Liebe geht.
Verlässt uns einmal im Leid das Vertrauen auf Gott, erkennen wir im Blick auf den Gekreuzigten, dass Jesus gerade im Leid ganz nah bei uns ist. Das Fest der Kreuzerhöhung ist darum auch heute noch ein wichtiges Fest. Es ermutigt und stärkt uns, der Verheißung von Leben zu trauen.