27. So B Ehescheidung – Wiederverheiratung - Markusevangelium 10, 2-16
Predigt von Pfr. A. Frank am 8.10.2006
Die Evangelien der vergangenen Sonntage sprachen zu uns von einer großen Weite Jesu. Sie zeigte sich vor allem darin, dass er über die
Erwartungen und Vorstellungen der Jünger hinausgeht und sie auf den Weg seiner Lebenshingabe, auf den Weg des Dienens und des Machtverzichts
ruft. Jesus ging es immer wieder darum, die Menschen auf die ursprüngliche Schöpfungsabsicht Gottes zu verweisen. Darum geht es auch im
heutigen Evangelium. Die Pharisäer kommen mit der Frage zu Jesus: Darf ein Mann seine Frau wegschicken. Für Jesus ist das eine völlig
unangebrachte Frage. Sie ist hartherzig. Freilich: rein rechtlich gesehen, d.h. nach dem Buchstaben des Mosaischen Gesetzes gab es im
Judentum die Möglichkeit zur Ehescheidung. In Dtn 24,1-4 lesen wir: "Wenn ein Mann eine Frau geheiratet hat, sie ihm aber dann nicht gefällt,
weil er etwas Anstößiges an ihr entdeckt, dann kann er ihr eine Scheidungsurkunde ausstellen und sie aus seinem Haus fortschicken.
Angesichts dieser Bestimmung hing nun sehr viel von der Frage ab: Was ist das "Anstößige", das eine Verstoßung rechtfertigt? Die Meinungen
der Theologen gingen in diesem Punkt weit auseinander. Laxe Schriftgelehrte ließen schon eine angebrannte Suppe als Scheidungsgrund gelten.
Jesus fühlt sich von solchen Gedankenspielen angewidert. Was in seiner Umgebung mit Berufung auf Mose praktiziert wird, ist keine Auslegung
des göttlichen Willens, sondern Ausdruck der "Herzenshärte", d.h. einer religiösen Einstellung, die dem lebendigen Gott gegenüber längst
gefühllos geworden ist und nur den eigenen Vorteil, die eigene Bequemlichkeit im Auge hat.
Jesus greift in seiner Antwort daher weit über Mose hinaus. Am Anfang war es nicht so. Was Gott sich am Anfang der Schöpfung gedacht
hatte, bezeugt die Lesung: "Gott, der Herr, sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm
entspricht" (Gen 2,18). In der Darstellung der Erschaffung der Frau aus der Seite des Menschen kommt die tiefe und innige Bezogenheit von
Mann und Frau zum Ausdruck. Erst zusammen bilden sie den ganzen Menschen. Jesus folgert daraus: "Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch
nicht trennen." Markus fügt den Aspekt hinzu, dass das Gleiche auch für die Frau gilt. Im palästinischen Judentum konnten Frauen sich
nicht von ihren Ehemännern trennen. Doch Markus schreibt für Heidenchristen. Nach griechisch römischer Auffassung war es auch möglich, dass
eine Frau ihren Mann wegschickte. Jesu Wort provoziert. Und manche erleben es als Überforderung angesichts menschlicher
Lebenswirklichkeit. Wer es selber schon erlebt und erlitten hat oder Ehepaare kennt, deren Beziehung trotz allen Bemühens nicht mehr zu
retten war, der weiß, dass Scheidung unter die Haut geht. Was ist im heutigen Evangelium Frohbotschaft?
Im Blick auf die Ehe und jede Beziehung geht es Jesus darum, nicht bloß einen Rechtsstandpunkt zu vertreten. Eine Ehe-Beziehung ist nicht
lebbar, wenn in ihr bloß ein Rechtsanspruch eingefordert wird. In keiner Beziehung, keiner Ehe und Familie hat ein Partner ein Recht auf den
anderen. Liebe lässt sich nicht angemessen in Rechte gießen, auch nicht in Kirchenrechte. Von Gott her - so sagt die Lesung - sind Mann und
Frau gleichberechtigt. Sie sind einander zugeordnet, um sich zu ergänzen, nicht um sich zu unterdrücken.
"Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt" - Der Mensch braucht offenbar nicht nur ein mitmenschliches Du, um ganz zu sich selbst zu
kommen, er braucht auch das Du Gottes, das die Einsamkeit des Menschen sieht und ihm ein Gegenüber schafft.
Es geht Jesus darum, dass wir Gottes Liebe, seine unbedingte Zuwendung zu uns Menschen, seine Vergebungsbereitschaft wahrnehmen; dass wir
sie in einer menschlichen Beziehung erfahren; dass die Liebe von Mann und Frau, dass die Liebe in jeder Beziehung zum Erleben von Gottes
Liebe und Beziehung zu uns werden kann und soll. Jesu Umgang mit der Ehebrecherin an anderer Stelle zeigt uns, dass Gottes Zuwendung auch
dann nicht zerbricht, wenn Menschen in ihrer Beziehung scheitern. Das Zerbrechen einer Ehe oder Beziehung ist kein Zerbrechen der Beziehung
zu Gott. Er bleibt in seiner unbedingten Liebe und Treue zugewandt.
Jesus sagt sinngemäß: "Wer die Ehe so versteht, wie sie von Gott her verstanden werden will, wird die Frage nach ihrer möglichen Scheidung
gar nicht stellen. Ehepartner, die sich Gottes Willen zu eigen machen, werden von einer anderen Frage bewegt: Wie können wir besser
füreinander da sein? Wo bin ich in meiner Beziehung eher von Distanz und Herzenshärte geprägt? Für Jesus ist klar: Wenn das Reich Gottes
unter den Menschen anbricht, bleibt kein Lebensbereich ausgeschlossen. So hat es auch Einfluss auf die Gestaltung der ehelichen Gemeinschaft.
Wo zwei Menschen aus ihrer Taufberufung heraus einander in der Ehe annehmen, sind sie füreinander nicht nur Zeichen einer Güte im Grunde
des Lebens, was wir als Sakrament bezeichnen. Sie sind hineingenommen in die Sendung Jesu, für andere Menschen ein Symbol der Liebe seines
Vaters zu sein. Indem sie sich im Glauben vom Geist Jesu Christi erfüllen lassen im Hören auf die Botschaft Jesu und in der Feier der
Mahlgemeinschaft Jesu – werden sie so füreinander ein befreiendes, heilsames Symbol von Gott her. Beim Sakrament der Ehe als Symbol geht es
also nicht nur um die gottesdienstliche Handlung der Trauung; vielmehr ist das ganze eheliche Leben mit seinen vielen alltäglichen und seinen
besonderen Situationen, in Gesundheit und Krankheit, in hellen und in dunklen Tagen Sakrament, Symbol für Gottes treues und liebevolles
Dasein in der Gemeinschaft von Menschen. Christliche Ehepartner haben Anteil an der Berufung und Sendung der Kirche, Gottes Liebe in
die Nähe anderer Menschen zu tragen zuerst in ihrer Ehe selbst, dann im Dienst an ihren Kindern, dann aber auch in offener Gastfreundschaft
für die Menschen mit ihren Freuden und Nöten. Nun ist aber sowohl die Bibel als auch die Kirche realistisch genug zu wissen, dass das
paradiesische Miteinander leicht verletzt und zerstört werden kann. Das Buch Genesis berichtet bald nach der Erschaffung von der Vertreibung
aus dem Paradies und den Versuchen der Menschen, wieder in Einklang mit dem ursprünglichen Heilsplan Gottes zu kommen.
Dass Ehen scheitern, gehört zur Wirklichkeit auch der Kirche. Oft bleibt undurchschaubar, wie dabei Unverfügbares und Schuldhaftes
zusammenwirken. Da stellt sich die Frage: Wie sollen wir damit als Christen, denen Jesu Wort von der lebenslangen Treue in der Ehe wichtig
ist, umgehen? Es kann in unserer Gesellschaft nach dem Scheitern einer Ehe sehr schwer werden, allein zu bleiben. Oft ist es nur lebbar
aus einer besonderen geistlichen Kraft. Viele kommen zu der aufrichtigen Überzeugung, dass sie das Geschenk einer neuen Beziehung annehmen
und als gütigen Willen Gottes mit ihnen erkennen dürfen. Die Kirche steht hier zwischen zwei Weisungen des Evangeliums. Sie darf nicht
trennen, was Gott verbunden hat. Sie hat aber auch den Auftrag, Versöhnung zu leben und die Menschen Barmherzigkeit erfahren zu lassen.
Übereinstimmung gibt es in der Kirche, dass Christen ihr Scheitern mit all der erkannten oder unerkannten Schuld dem Erbarmen Gottes
anvertrauen und sich von ihm mit ihrer Geschichte versöhnen lassen sollen. Sie sollen auch Versöhnung suchen mit dem Menschen, dem sie in
ehelicher Liebe verbunden waren. Wenn sie vor Gott zu der Überzeugung kommen, eine neue eheliche Beziehung eingehen zu dürfen, so sollen sie
ihrer Einsicht folgen. Sie trennen sich damit nicht von der Kirche. Sie gehören weiter zur Gemeinschaft, die betet, auf das Evangelium hört,
die Nähe Gottes feiert im Gottesdienst und in praktischer Nächstenliebe lebt, was sie empfangen hat. Sie dürfen und sollen versöhnt mit der
Kirche leben und dies in einer konkreten Gemeinde erfahren.
Nicht allgemeine Übereinstimmung gibt es in der Frage, ob diese Versöhnung auch ihren Ausdruck finden kann in der eucharistischen
Tischgemeinschaft. Auf der einen Seite gibt es nicht nur amtliche Stimmen, die den Verzicht auf die Kommuniongemeinschaft als Zeichen der
Gebrochenheit ihrer Situation erwarten. Andere Stimmen erfahren es als nicht ausreichende Versöhnung, wenn Schwestern und Brüder, die treu
zur eucharistischen Versammlung am Herrentag kommen, auf die Dauer von der Tischgemeinschaft getrennt sind. Sie möchten die in einer zweiten
Ehe Lebenden ermutigen, nach einer Zeit des Verzichtens die Kommuniongemeinschaft wieder aufzunehmen.
Die Zeit dafür kann gekommen sein, wenn sich die neue Beziehung bewährt hat und in ihr Liebe, Treue und Offenheit für einander gelebt
wird. Betroffene mögen sich zur Klärung in ihrer Situation an einen Seelsorger ihres Vertrauens wenden und das Nötige mit ihm besprechen.
Für uns als Gemeinde gilt in dieser Situation vor allem, dass wir Respekt haben vor der Lebensgeschichte eines Menschen, der es nicht leicht
hat, und ihm mit Anteilnahme und Verständnis begegnen.
Vom Heiligen Franz von Sales stammt das Wort: Wenn ich fehle, will ich lieber fehlen durch die große Milde als durch übergroße Strenge.
Das möchte ich denen sagen, die nur nach dem Buchstaben des Gesetzes richten und den konkreten Menschen aus dem Auge lassen. Amen. |