22. Sonntag im Lesejahr C - 02. September 2007
Lesungen: Sirach 3, 17-18.20.28-29 und Hebräer 12,18-19.22-24a
Evangelium: Lukas 14,1.7-14
Predigt von Anton Frank

Vor einiger Zeit habe ich eine interessante Fernsehdokumentation gesehen, wo als kleine Szene gezeigt wurde, wie am Eingang eines indischen Tempels ein großer, weißer Elefant steht und jeder, der eintritt, verneigt sich vor dem Tier, das seinen Rüssel ausstreckt und ihn sanft auf das Haupt des Betenden senkt. Wenn ich mich in diese Szene hineindenke, dann entdecke ich darin die Einsicht, dass man Gott nur begegnet, wenn man jedes Lebewesen als eine bereichernde Gegenwart empfindet, als etwas, das dazu bestimmt ist zu segnen einfach durch sein Dasein.

Es gäbe uns nicht auf dieser Erde, stünde nicht ganz sicher fest, dass Gott uns an seiner Tafel haben möchte. Wenn dieses Gefühl, genug beliebt und anerkannt zu sein, um dazuzugehören, tief in uns verankert ist, braucht uns die typisch menschliche Neigung, sich selbst als wichtig und bedeutend zu erweisen, nicht mehr zu verschleißen. Das heutige Evangelium zeigt: Es ist möglich, einfach und ruhig da zu sein, den anderen gelten zu lassen und selber den Ort einzunehmen, der sich uns zuweist. Mehr ist gar nicht nötig, als den Platz auszufüllen, der für uns da ist. Jesus zeigt im Evangelium, wie zwei angstgeprägte Fragen Menschen umtreiben können und alles verzerren und aus dem Lot bringen: die Frage: Was bedeute ich dem anderen? Und die Frage: Was bedeutet der andere mir?

Wir sind irgendwo eingeladen, und es könnte ein ganz entspannter, schöner Abend sein. Man könnte miteinander reden über das, was in einem selber und im anderen vor sich geht. Miteinander zu sprechen könnte die Berührung der Seelen der Partner eines Dialogs sein. Aber dahin kommt es nicht, wenn die Angst wie ein Rucksack uns im Nacken sitzt, die Angst, die uns zwingt, immer nur den Gedanken zu verfolgen: "Bin ich in den Augen der anderen gut genug, komme ich bei ihnen gut an?" Und die Lage wird nicht besser, wenn sich die Frage umkehrt: "Was bedeutet der andere mir, wozu kann der andere mir nützlich sein?"

Die Wahrheit ist: Man findet nicht zum Herzen des anderen mit Händen, die nur in Besitz nehmen wollen.

Was kann uns helfen, aus diesen Engführungen herauszukommen?
Es ist der Rahmen, den Jesus in seiner Reich-Gottes-Botschaft immer wieder neu zum Ausdruck bringt: Wir dürfen unser Leben betrachten wie ein großes Fest, zu dem wir eingeladen sind. Jesus meint, wenn wir im Getto unserer Angst bleiben, haben wir überhaupt nicht gemerkt, dass wir, statt aus der Angst, aus Gnade, aus Wohlwollen, aus überfließendem Reichtum und von dem Segen leben, der von Gott kommt und in alle Kreatur hinein gelegt ist. Eingeladene sind wir, bei Gott längst Aufgenommene. Solange unsere Würde darauf beruht, wie wir uns auszeichnen vor anderen und gegen andere, benötigen wir die Demütigung anderer, um den eigenen Wert herauszustellen, und für diese Art von Erfolg wird man uns menschlich am Ende kaum mögen.

Sosehr Jesus von den Anstandsregeln der bürgerlichen Moral und Sitte zu sprechen scheint, so sehr spricht er in Wirklichkeit von dem, was vor Gott gilt. Wirklich wert und würdig und verdientermaßen hochachtungsvoll stehen wir da, wenn wir's nicht suchen, nicht zwanghaft sein wollen, sondern einfach es sein lassen. In Wirklichkeit sind wir Eingeladene nicht durch die Gunst irgendwelcher anderer; eingeladen sind wir als Menschen wesentlich an die Tafel Gottes, unseres ewigen Vaters. Das ist unsere Würde und unsere Größe. Sie müssen wir nicht erkämpfen, sie besitzen wir als Menschen und Personen. Und so ist es dann möglich, dass wir weitherzig sein können statt engstirnig und anderen den Vortritt lassen können, wenn sie ihn benötigen, dass wir Rücksicht nehmen können auf ihr Selbstwertgefühl, uns nicht hervorzutun brauchen, sondern wertvoll und kostbar sind im Umgang miteinander.

Entweder wir sind ständig Getriebene unter den Augen der anderen, ihrer Kritik, ihrer Wertschätzung, ihrem Beifall und wir entwürdigen uns von Anfang an selber, machen uns abhängig und werden immer mehr zu Sklaven, oder wir stellen das, was wir sind, Gott selbst anheim und halten uns die Hände, das Herz, die Phantasie, den Kopf frei für einen guten, menschlichen Umgang miteinander. Wie wir miteinander umgehen als Menschen, hängt davon ab, wie wir zu Gott stehen. Eine kleine Einladung nur, und sie zeigt doch, wer wir sind für Zeit und Ewigkeit.